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Interview mit Jen Majura von Jen Majura

Ein Interview von des vom 25.12.2017 (3783 mal gelesen)
Über Skype sprechen wir mit Jen über EVANESCENCE, ihr Soloalbum, Schweiß, Kolibris an den Wänden und machen Bekanntschaft mit einem Goldfisch!

The English Version can be found here

JEN MAJURA hat gerade kürzlich ihr sehr gutes Soloalbum "InZENinty" veröffentlicht. Zusätzlich ist die ehemalige KNORKATOR-Gitarristin gerade auf Tour mit EVANESCENCE, um deren neues Album "Synthesis" vorzustellen. Es gibt also viel zu erzählen, als sich Jen zwischen den Gigs in San Franzisco und Portland per Skype meldet. Nach einer 11-stündigen Busfahrt ist sie dennoch sehr gut gelaunt und redselig. Und so dreht sich das Gespräch natürlich um EVANESCENCE, Jens Soloalbum, Kolibris an den Wänden und einen Goldfisch.

Hallo Jen, danke für die Gelegenheit zum Interview. Du hast gerade 11 Stunden Autofahrt hinter Dir?

Jen Majura: Wir sind die ganze Nacht gefahren. Wir sind fast am Ende unserer Tour; normalerweise hast Du einen Bus-Call um ein Uhr in der Nacht und dann schläfst Du halt im Bus und wachst dann am nächsten Morgen auf und bist hoffentlich schon da. Heute bin ich um acht aufgewacht und hab mir halt Washington State angeguckt, schon krass, viel Grün, viele Seen, "Herr Der Ringe"-mäßig, schon cool. imgleft

Stylische Tapete hast Du ...

Jen Majura: Schon, gell, mit den Kolibris. Und weißt Du, was das Tollste an diesem Hotel ist: Man kann sich einen Goldfisch aufs Zimmer bestellen, falls man sich zu einsam fühlt. Jetzt warte ich auf meinen Goldfisch [lacht]. Ich kann mich noch gut an die Zeit erinnern, wo ich in einer Pagan Metal-Band gespielt hab, da war es eine 2-Sterne-Pension mit Gemeinschaftsklo am Gang, da ist Reisen und Touren mit EVANESCENCE schon etwas anderes. Es ist für mich wie Urlaub, entspannt durch die Gegend reisen, Städte sehen, viel frei haben, wenig zu tun haben.

Ihr seid ja mit Orchester unterwegs, oder?

Jen Majura: Jein. Wir spielen mit Orchester, aber in jeder Stadt mit einem anderen. Es sind die lokalen Symphoniker und das heißt, wir spielen wirklich jeden Tag mit 40 neuen Menschen. Es ist super spannend. Mit uns unterwegs ist nur Dave Eggar, das ist unser Cellist, der ein bisschen die Hand über die Streicher hat und Suzie Seiter, unsere Dirigentin. Viel mehr live geht nicht als das. Es gab zum Beispiel unfassbar gute Orchestren wie zum Beispiel letzte Nacht in San Francisco, das war ein Traum-Orchester, das super gespielt hat, und es gibt andere Städte, wo die Orchester grauenhaft sind.

Das heißt aber, dass es keine gemeinsamen Proben gibt?

Jen Majura: Unser Tagesablauf sieht immer aus wie folgt: Wir kommen an, und dann probt das Orchester bis drei. Das sind dann die Unit-Players, die ganz strikte Zeiten haben. Wenn die im Plan haben "16 Uhr Pause", dann können die mitten im Song sein, und sie legen ihr Instrument zur Seite und machen ihre Pause. Ist für mich unvorstellbar, so mit Musik umzugehen - Musik ist eine Passions-Sache, die nicht nach Stempelkarte funktioniert. Auf jeden Fall proben die eine Stunde nur mit unserer Dirigentin. Um fünf kommen dann wir als Band dazu, haben genau 30 Minuten Zeit, weil dann die Orchestermusiker wieder ihre Instrumente zur Seite legen [lacht], und das ist alles, was wir an Probenzeit vor der Show haben. Mehr Zeit ist nicht, wir müssen auch nach dem Soundcheck direkt zum Meet&Greet. Danach schnell Essen und direkt auf die Bühne, meistens um neun und wir spielen 90 Minuten Show. Das Orchester spielt einen Opening Act und ich muss dann immer schmunzeln. Hier in Amerika, wenn das Orchester die Kleine Nachtmusik spielt, dann drehen die Amis durch. In Europa sehe ich das komplizierter, weil jedes Kleinkind diese Melodien kennt. Ich habe schon mit Dave und Suzie gesprochen, dass sie sich für Europa etwas anderes ausdenken müssen. Also, ich bin gespannt! Das Krasse bei dieser Tour ist, dass es überhaupt nicht ums Gitarrespielen geht. Das hat mich auf der ersten Tour ziemlich fertig gemacht. Das, was mich auf Tour am Leben hält, ist Gitarre spielen, Schwitzen, Headbangen. Jetzt sitze ich auf einem Barstuhl und spiele irgendwelche Sounds, was gar nicht mein Ding ist. Ich musste mich umorientieren und erst die Freude an dieser Tour finden, weil es nicht meins ist. Ich bin Metal-Head, ich will Gitarre spielen, schwitzen und nicht auf einem Stuhl sitzen. Aber man kann sich daran erfreuen, dass man viel reisen kann, man viel sieht, wunderschöne Venues bespielt und schöne Hotels hat mit Kolibri-Tapete und Goldfisch [lacht]. Es ist halt eine etwas ruhigere Tour. Vor EVANESCENCE bei Touren in Europa war ich es gewohnt, dass man in 30 Tagen mit dem Nightliner unterwegs war und mindestens 27 Konzerte gespielt hat, um irgendwie ins Plus zu kommen. Ich habe es geliebt: Dir tut alles weh, du hast wenig Schlaf, ständig Schmerzen. Mit EVANESCENCE ist es anders, Amy möchte nicht mehr als zwei Konzerte am Stück spielen, das heißt wir spielen maximal zwei Shows und wir haben wieder einen Tag frei. Das ist der Grund, warum ich es hier auch so genießen kann, es ist so ruhig und so gut organisiert und ich weiß die Dinge wirklich zu schätzen.

Da Du bei EVANESCENCE spielst, gibt das schon einen Popularitätsschub, oder?

Jen Majura: Also, meine Social Media-Seiten sind durch die Decke gegangen! Ich habe das ein bisschen unterschätzt, wie populär EVANESCENCE sind. Und auf einmal guckt Dir die ganze Welt zu, wenn Du etwas postest. Ich war direkt ein bisschen erschrocken vor zwei Jahren - meine Facebook-Seite stand bei 5000 Likes und jetzt sind wir bei 32000. EVANESCENCE-Fans sind auch etwas anders, sie sind - ich nenne es mal liebenswürdig-fanatisch. Die sind sowas von passioniert über die Band und Musiker, das ist unglaublich. Die fliegen um die halbe Welt, um die Band zu sehen! Das ist unglaublich schön, zumal man die hardcore Fans dann auch schon beim Namen kennt. Die bringen auch Geschenke mit, sieh her, meine Einhorn-Pantoffeln, die habe ich gestern geschenkt bekommen. Das ist echt schön! imgleft

Hast Du auch Angst vor einem Shitstorm?

Jen Majura: Den hatte ich schon! Auf meinem Album "InZENity" gibt es einen Song, der heißt 'Lied Ohne Namen' und dieser Song behandelt genau das Thema Shitstorm. Beim Dimebash Festival in L.A. 2016 hat Phil Anselmo diesen White Power-Eklat gehabt. Ich hab das gesehen und bin in diesem Moment stinksauer geworden, weil ich mir denke, wenn Du Musiker bist und einen gewissen Grad an Popularität erreicht hast, hast Du Menschen, die zu Dir aufsehen. Du hast eine Vorbildfunktion, Du kannst nicht solche Sachen bringen. Das hat mich so wütend gemacht, dass ich ein Reaction-Video auf meine Facebook-Seite gepostet habe. Es war nicht gedacht, dass Blabbermouth das teilt und ich am nächsten Morgen 25000 hasserfüllte PANTERA-Fans habe, die mir irgendwie Mord androhen und sagen "Ich schieß Dich von der Bühne!". Das ging drei Monate. Man sagt immer so "lies das einfach nicht", aber das funktioniert nicht so. Man wartet während der Show nur mehr auf einen Schuss. Um das zu verarbeiten, habe ich das 'Lied Ohne Namen' innerhalb eines halben Tages geschrieben. So ein Shitstorm ist echt nicht lustig.

Wie gefällt Dir die Musik von EVANESCENCE?

Jen Majura: Musst Du Dir überlegen: Ich kam von EQUILIBRIUM bäm-bäm-bäm-bäm. Und dann landest Du bei EVANESCENCE. Es war im ersten Moment alles für mich unfassbar langsam, das war mein erstes Gefühl. Ich kann jetzt nicht sagen, dass ich davor ein Hyperfan war, ich kannte viele Songs gar nicht. Aber Du wächst ja mit der Zeit in die Songs rein. Aber die Liebe zu einer Band entwickelt sich immer erst, wenn man sich damit viel beschäftigt. Es gibt Songs, die ich sehr mag und manche, die ich nicht so mag, aber ein Leben ohne die Musik von EVANESCENCE kann ich mir jetzt nicht mehr vorstellen. Man verbindet mit den Songs auch gewisse Momente auf der Bühne mit den Jungs. Ich spiele nicht nur einen Song, ich spiele Erinnerungen für mich. Wie gesagt, diese Tour ist anders. Wir spielen nicht als Rockband mit Orchester, sondern sind ins Orchester integriert, ohne Amps und Verzerrung und spielen Dubstep-Sound, so als ob sich David Guetta und Beethoven ein Steampunk-Outfit anziehen und zusammen in die Oper gehen. Ich spiele wenig Gitarre, aber dafür Theremin, ein altes russisches Instrument, das ich erst erlernen musste. Das ist scheiße schwer zu spielen, weil man es bedient, ohne es zu berühren. Da kannst Du richtig geile Spaceship-Sounds entstehen lassen.

Du bist ja gerade in den USA unterwegs - spürt man da die Auswirkungen von Präsident Trump und die Spaltung im Land?

Jen Majura: Ich hatte gestern Zeit und hab mich mit einer Freundin zum Lunch getroffen. Da haben wir eine Demo gesehen [Jen zeigt ein Video auf ihrem Handy von Ausschreitungen]. Also, es gibt Ecken in Amerika, wo wirklich protestiert wird gegen Trump. Und weiß Gott, meine Band ist auch nicht Pro-Trump. Es ist hier wirklich nicht so Trump-supportive, wie es nach außen hin scheint, viele sitzen wirklich da und sagen "oh ist das peinlich". Klar gibt es auch Trump-Supporter, aber mit denen red ich einfach nicht über Politik :-). Ich bin generell kein politischer Mensch, das ist nicht mein Gefilde.

Wann hattest du eigentlich Zeit, ein Soloalbum zu machen? imgright

Jen Majura: [schallendes Gelächter] Gar nicht! Ich hatte mir das eigentlich für 2017 vorgenommen. 2016 hatten wir nur zwei kleine Touren in den USA und ich hatte nicht damit gerechnet, dass 2017 so unfassbar abgeht mit EVANESCENCE. Ich hatte die Songs schon fertig komponiert für mein Album und hatte es mir für 2017 vorgenommen. Und dann wurde der Kalender immer voller, und ich dachte, wann mach ich denn nun mein Album? Ich habe dann vom Management genau zwei Wochen bekommen, um das Album einzuspielen! Ich bin von den Aufnahmen zu "Sythesis" nach Europa geflogen, hatte am Tag darauf das Fotoshooting für das Cover, bin von dort aus direkt ins Studio gefahren, hab meine Scheibe in zehn Tagen aufgenommen und bin im Prinzip sofort wieder zurück nach L.A. geflogen, weil wir zu einem EVANESCENCE-Song ein Video gemacht haben. Dann bin ich wieder zurück, um das Mixing zu meinem Album zu machen. Es war definitiv die stressigste Studiozeit, die ich bisher erfahren durfte. Es war heftig, aber schön! Ich bin aber jemand, der sehr gut funktioniert, wenn es stressig ist, wenn ich Druck habe. Ich bin normalerweise hyper-vorbereitet, wenn ich ins Studio gehe, aber bei diesem Album hatte ich nichts notiert, nichts vorbereitet! Ich hatte wirklich Angst, dass ich nicht gut genug bin, um aufzunehmen. Aber dieses Unvorbereitet-Sein kitzelt Dich als Künstler und ich war kreativer im Studio als ich es sonst bin! Und die Gast-Gitarristen wie Jeff Waters, die sind alle nicht dabei, um Namedropping zu betreiben, sondern echte Freundschaft. Dieses Give-and-Take ist ganz wichtig. Da geht es um die menschliche Ebene und nicht um das Bankkonto.

Gefällt mir aber gut, das Album!

Jen Majura: Das freut mich aber sehr. Was ist Dein Lieblingssong?

'Chuck Norris' gefällt mir sehr gut, 'All The Other Ones' und der Titelsong, der etwas schräg ist, ist wirklich toll.

Jen Majura: Neeinn, das verstehe ich überhaupt nicht, wenn Ihr alle immer sagt, dass der Titelsong schräg ist.

Der Gesang erinnert mich an ALANIS MORISSETTE, die macht auch so schräge Sachen.

Jen Majura: Cool. Meine Art zu singen wird oft mit ALANIS MORISSETTE verglichen. Ich finde sie super. Ich möchte mein Album so sehr einmal live präsentieren. All die Jungs, die im Studio waren, würden sofort mit mir live spielen. Mein Problem heißt Zeit, weil EVANSCENCE mich noch mindestens bis Spätherbst nächsten Jahres auf Trab halten! Und die Musik, die ich geschrieben habe, ist zu kompliziert, um sie mal kurz nach zwei Stunden Bandprobe zu spielen. Ich bin ein großer Fan von Bands, die Musik schreiben, die einfach klingt; aber wenn man mal versucht, sie zu spielen denkt man "oh mein Gott, ich breche mir die Finger". Zum Beispiel TOTO oder AEROSMITH sind so Bands, die einfacher klingen als sie dann zu spielen sind. Vielleicht schaffe ich es 2019, "InZENity" live auf die Bühne zu bringen.

Hast Du eigentlich einen Masterplan für deine Karriere oder nimmst Du es so wie es kommt?

Jen Majura: Das ist 'ne gute Frage. Ich bin so ein bisschen der Carpe Diem Mensch. Klar guckst Du in die Zukunft und timst Sachen, koordinierst Dinge, aber im Prinzip bin ich jemand, der sehr dankbar dafür ist, dass ich dort sein darf, wo ich gerade bin. Ich hab jahrelang auch wirklich viel Scheiße gefressen, und ich sehe das jetzt als eine Phase in meinem Leben, wo ich mich einmal zurücklehnen kann und sagen kann, ich kann einfach nur genießen, ich bin einfach nur Musikerin. Wie lange der Moment geht, weiß derzeit keiner, es sieht aber sehr gut aus, dass es noch eine Weile so geht. Ich habe auch noch meine kleine Musikschule im Sauerland, und das ist so mein kleines Zuhause-Kissen. Die Musikschule läuft, ich habe ganz tolle Lehrer, einer davon in Stefan Weber, der bei AXXIS spielt, worauf ich sehr stolz bin. Ich habe auch schon überlegt, nach Nashville zu ziehen, aber meine Eltern leben in Deutschland, meine Musikschule ist in Deutschland, ich werde also in Deutschland bleiben, noch dazu, wo ich in einem Schloss mit Burggraben und so lebe. imgright [Der Concierge bringt den Goldfisch] Ich hab den Goldfisch gekriegt! Toll!

Dein Nachname Majura, der klingt nicht deutsch, hast Du asiatische Vorfahren?

Jen Majura: "Majura" ist thailändisch. Mein Vater ist Thailänder, meine Mama ist Deutsche und "Majura" ist das thailändische Wort für "Pfau". Also ganz so wie ich bin, völlig aufgeblasen, arrogant, ganz am Showing-Off ... :-). [lacht]. Jen kommt von Jennifer, aber so nennt mich nur meine Mutter "Jennifer, räum Dein Zimmer auf!".

Danke für die Zeit, die Du Dir genommen hast, danke fürs Interview und viel Spaß noch auf der Tour!

Jen Majura: Und ich muss mich jetzt intensiv mit meinem Goldfisch beschäftigen! Ich freu mich ganz toll, dass wir so ein nettes Gespräch hatten!

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