Die Vinyl-Manufaktur (Teil 3)

Ein Artikel von derkleinekolibri vom 27.12.2022 (191 mal gelesen)

Welches war denn dein erstes farbiges Vinyl und welches deine erste Picture Disc?

Nico: Ganz ehrlich? Ich kann es dir wirklich beim besten Willen nicht sagen. Wobei! Da ich nur eine Picture Vinyl besitze und diese von den Pforzheimer Punk-Urgesteinen THE LENNONS ist ("Die Welt Ist Schlecht"), war diese bisher meine erste und einzige.

Wie denkst du über die Qualität von farbigem Vinyl und Picture Discs?

Nico: Inzwischen hat sich ja einiges getan und das Granulat ist deutlich besser als noch in den 1990er Jahren und Anfang der 2000er Jahre. Die ersten farbigen Vinyls waren vom Sound her deutlich anders als die gleichen Alben auf schwarzem Vinyl. Diesen Unterschied kann ich heute nicht mehr wirklich hören. Eher geht es da um die Pressungen an sich, welche aufgrund des Zeitdrucks der Presswerke teils deutlich nachgelassen haben. Zu den Picture-Vinyls kann ich dir da leider keine Auskunft geben, denke aber, dass sich da der Sound schon noch mal deutlich vom normalen Vinyl unterscheidet, denn hier wird ja quasi in eine Folie gepresst und nicht direkt in das Vinyl.

Müssen Vinyls zwangsläufig 180 Gramm wiegen, um gut zu klingen, oder hältst du das auch für ein Ammenmärchen (ich selbst habe viele Vinyls aus den siebziger und achtziger Jahren, die verdammt gut klingen).

Nico: Ach, das ist so eine Diskussion, bei der man wohl nie einen gemeinsamen Nenner finden wird. Ich selber mache da auch keinen Unterschied, da ich ja nun auch nicht die High-End-Anlage hier stehen habe und man da wohl Feinheiten im Sound eher weniger raus hört. Ich kann mir schon vorstellen, dass man im Klassik-Bereich zwischen 140 und 180 Gramm mit einer High End-Anlage Unterschiede hört, bei meinen Musikvorlieben spielt das allerdings keinerlei Rolle, da es eh meist Krach ist (lacht).

Eine ganz einfache Frage zwischendurch: Nach welchem System ordnest du deine Schallplatten?

Nico: Ich habe mir irgendwann angewöhnt, die Platten nach Alphabet zu ordnen, da es so einfach aus meiner Sicht am überschaubarsten ist. Anfangs hatte ich mal nach Genre sortiert, aber das war dann recht schnell hinfällig, da 80 Prozent meiner Plattensammlung aus Punk-Musik besteht.

Was würdest du als Grund dafür ansehen, warum man heutzutage viele nagelneue Schallplatten erst einmal waschen sollte, bevor man sie auflegt?

Nico: Wie bereits kurz angesprochen, sind inzwischen sehr viele Presswerke so überflutet mit Aufträgen, dass dort nur noch auf Masse produziert wird und oft die Qualität darunter leidet. Das geht beim Granulat los, geht über die Pressgeschwindigkeit, das Schneiden, bis hin zur Qualitätskontrolle und Verpackung. Ich erlebe in letzter Zeit immer öfter, dass noch an den Platten Teile des überschüssigen Vinyls hängen, da es nicht richtig abgeschnitten wurde. Oder es kommt auch oft vor, dass die Vinyls sehr statisch aufgeladen sind, was wohl mit der Pressgeschwindigkeit zu tun hat. Ja, ich kann die Presswerke schon auch verstehen, nur ist es auch so, dass, wenn ich zum Beispiel ein clear Vinyl bestelle und dann faktisch ein weißes Vinyl erhalte, schon auch was schief geht. Sowas darf eigentlich nicht passieren.

Welche Argumente führst du bei Diskussionen dafür an, daß Vinyl besser klingt als Compact Disc? Besonders bei jenen Leuten, die es genau andersherum sehen?

Nico: Der Sound ist selbst über meinen Mittelklasse-Verstärker deutlich zu erkennen. Bei Vinyl sind die Höhen und die Tiefen viel satter und haben deutlich mehr Rumms als eine CD. Liegt ja auch daran, dass beim Vinyl ein viel breiteres Spektrum in den Höhen und Tiefen abgebildet werden kann als bei einer CD und das hört man auch ohne Musikstudium.

Was würdest du dir von den vielen kleinen und den wenigen großen Labels wünschen, damit Vinyl wieder einen noch höheren Stellenwert erlangt?

Nico: Ich muss ehrlich gestehen, dass ich es mir wünschen würde, dass der Vinyl-Boom vorbei ist und statt der tausendsten Wiederveröffentlichung der Mainstream-Alben wieder die kleinen Labels mehr Chancen haben, ihre Musik auch auf Vinyl pressen zu lassen. Es war ja lange Zeit so, dass die Indie-Genres wie Metal, Punk und Hip Hop überhaupt dafür sorgten, dass die Presswerke überlebt haben. Nun ist es so, dass genau die Genres hinten anstehen müssen und teilweise Wartezeiten von zehn Monaten und mehr haben. Ein Kunde wartet zum Beispiel schon 14 Monate auf seine Platten. Damit geht natürlich einher, dass viele Labels an der Situation die Lust verlieren und weniger liebevoll ihre Platten und Cover gestalten. Es sollte einfach wieder entspannter werden, wovon wir allerdings weit entfernt sind.

To be continued ...

imgcenter


© Nico Michaelis

Besucher-Interaktion

Name:
Kommentar:
(optional)
Meine Bewertung:
(optional)
(Hinweis: IP-Adresse wird intern mitgespeichert; Spam und Verlinkungen sind nicht gestattet)

Ich hab' 1986 - mit Erwerb meines ersten CD-Players und in damals angesagter (= tauber) CD-Gläubigkeit - aufgehört, LPs zu kaufen. Ich dachte/glaubte/hoffte: "Die Compact Disc ist das mit Abstand Beste, was der liebe Akustik-Gott jemals erfunden hat". Früher 'n fataler Irrtum (= massenweise LP-Verkäufe für lächerliches Geld auf Floh- und anderen Märkten), jetzt unwiderlegbare Tatsache! Die letzten gekauften LPs (analoges Direct Metal- oder Half Speed Mastering) klangen zwar so gut wie nie zuvor, und die ersten CDs - verglichen mit welchen aus den 90ern - (noch) zum Brechen, aber DAS ist 37 Jahre her! Heute ist alles anders: CDs sind - meiner Meinung nach völlig zu Unrecht - komplett abgesagt (= quasi wertlos, buhu!), dafür Vinyls wieder ultra-hipp - meiner Meinung nach ebenfalls völlig zu Unrecht. Warum? Nicht nur, dass gegenwärtig erscheinende LPs analogisierte Versionen digitaler Master sind (wer außer dem Rezensenten mastert heute noch OHNE Rechner?), mehr noch: Zu Zeiten eines von der Industrie erfundenen "Vinyl-Revivals" werden im Tonstudio auf 0db plattgebügelte (= "Loudness War"), im Anschluss zu Do-LPs/45 rpm aufgeblasene (nach wie vor dynamiklose), zum Teil keine 40 Minuten rotierenden Scheiben als "Special-, Limited- oder Deluxe-Edition" für kranke Kohle rausgehauen, die HiFi-Gourmets (wie ich einer bin bzw. einst war) nicht akzeptiren können. Auf der einen Seite gibt's viele aktuelle Veröffentlichungen gar nicht mehr auf CD, nur noch als datenreduzierter (= inakzeptabler) MP3-Schrott oder eben komplett überteuertes Vinyl - scheiße für MICH als ehemals leidenschaftlicher Compact Disc-Käufer! Auf der anderen Seite: Wenn heutzutage sowieso nur noch ein einziges (digitales 0db-)Master existiert, von dem sämtliche Formate "gezogen" werden - warum in Gottes Namen soll ich mir ÜBERHAUPT noch Musik kaufen? Der "moderne Sound" hat eine zum Teil so unterirdische Qualität erreicht, dass meine Ohren immer öfter keinen Spaß mehr am Hören haben. Dann ist bei mir eben auch mal Ruhe im Karton, Schicht im Schacht ...
(13.01.2023 von Metal Guru)

Total spannend, dass sich die Legende hält, Vinyl würde ein breiteres Spektrum abbilden können als eine CD und sogar mehr Rumms haben. Eigentlich ist die RIAA-Schneidkennlinie ja eine enorme Limitierung und führt die Auflösung von Vinyl in physische Grenzbereiche, wo sie sich mit dem Grundrauschen der Abtastung verbinden. Ein Rumms ist im Master auch nur mit kurzen Spielzeiten und/oder 45 Umdrehungen möglich, und das trifft nun mal nur auf Edel-Veröffentlichung als DoEP zu, aber sicherlich nicht auf übliche heutige Releases. Stattdessen hat das Medium eine Menge klanglicher Artefakte und Nachteile, angefangen von der physikalischen Abtastung, den damit verbundenen Störgeräuschen, des schwächeren Störabstands zwischen den Kanälen, des kompromissbehafteten Masterings, bis zur problematischen Entzerrung als zusätzliche analoge Vorstufe. LPs klingen definitiv anders, aber eine CD ist deutlich näher am Studio-Original. Man darf den Klang von LPs ruhig subjektiv als "besser" beurteilen, aber das ist eben Liebhaberei, Nostalgie ... aber sicherlich kein Hifi-Purismus. Die These, dass die LP ein breiteres Spektrum in Höhen und Tiefen abbilden würde, ist allerdings objektiv betrachtet Unfug. Das hält sich beharrlich seit den 90ern, als eine Gruppe religiöser Analogliebhaber die CD niedermachten, und ihre untergehenden LPs verteidigten (mit Rückendeckung der StereoPlay-Zeitschrift, die dieser Zielgruppe genau das lieferte, nach was sie rief, nämlich nahezu esoterische Interpretationen des Klangs). Wer der CD eine mangelnde Auflösung aufgrund ihrer 16 Bit und limitierten Sample-Frequenz unterstellt, hat grundlegende physikalische Gesetze und informationstechnische Algorithmen nicht verstanden. Angefangen von der Nyquist-Frequenz, weiter über das Nyquist-Shannon-Abtasttheorem bis hin zu digitalem Dithering und Oversampling. Kurzum: das ist akustische Homöopathie, wenn man glaubt, etwas zu hören, obwohl die Verzerrungen einer CD-Wiedergabe 40dB geringer sind als bei der LP-Wiedergabe. Ich empfehle einen Triple-Blindvergleich, nämlich zwischen einem Original-Master, einer LP und einer CD vom Master. Die LP wird man immer heraushören aufgrund ihrer Eigenschaften. Zwischen Master und CD wird man nie signifikante Treffer landen.
(02.01.2023 von Opa Steve)

Artikel über soziale Netzwerke verbreiten