Interview mit Steffen von Thulcandra

Ein Interview von Eddieson vom 09.06.2023 (3942 mal gelesen)
THULCANDRA haben mit "Hail The Abyss" ein, von Fans und Presse gefeiertes, neues Album am Start. Mastermind Steffen zeigte sich sehr zufrieden, sieht aber keinen Grund zur Pause. Sowohl mit THULCANDRA, als auch mit OBSCURA arbeitet er fleißig weiter.

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Hi Steffen. Wie geht es dir?

Steffen: Besten Dank für euer Feature und die Fragen zu "Hail The Abyss".

Das neues Album ist seit einiger Zeit draußen. Wie hast du die Reaktionen auf das Album bisher wahrgenommen?

Steffen: Fans und Presse nehmen "Hail The Abyss" wohlwollend auf. In einigen Magazinen durften wir uns auf den vorderen Plätzen der Top-Ten-Listen verorten und Metal Hammer Deutschland sah "Hail The Abyss" als Album des Monats, was für eine Black/Death Metal Band eher ungewöhnlich scheint. In den USA und Kanada konnten wir die Albumcharts erreichen und mit Platz 20 in den USA unerwartet großen Erfolg verzeichnen.

Nachdem ich das Album ein paar mal gehört habe, kam mir der Gedanke, dass ihr euch mit "Hail The Abyss" etwas aus dem DISSECTION-Korsett lösen wollt. Das Album wirkt etwas eigenständiger als die Vorgänger. Liege ich da damit richtig?

Steffen: Unseren 2003 festgelegten Stil haben wir nicht geändert und haben auch nicht vor, daran etwas zu ändern. Für uns stehen Bands, mit denen wir aufgewachsen sind, an erster Stelle, DISSECTION sind vielleicht die bekannteste, es gibt aus der Zeit und Szene viele großartige Alben von Bands wie THE MOANING, DAWN, SACRAMENTUM, UNANIMATED, EUCHARIST und viele mehr, die ein wichtiger Teil unserer Entwicklung waren und sind. Mit "Thulcandra" veröffentlichen wir unser fünftes Album in 20 Jahren, eigene Nuancen fließen irgendwann natürlich in den Gesamtsound ein.

So ganz werdet ihr aber wohl nie den DISSECTION-Vergleich los. Stört dich da manchmal? Zu mal ja auch andere Einflüsse in der Musik zu hören sind.

Steffen: Mich stört es nicht, mit DISSECTION verglichen zu werden, es gibt schlimmeres. Jede neue Thrashband wird mit KREATOR oder SLAYER verglichen, jede neuere Death Metal Band mit CANNIBAL CORPSE oder DEICIDE. Vergleiche bringen Orientierung und mit DISSECTION liegen Musikliebhaber nicht weit entfernt von THULCANDRA.

Wenn ich richtig informiert bin, dann entstand THULCANDRA daraus, dass du Songs geschrieben hast, die nicht zu OBSCURA passten und du/ihr deshalb eine Band gegründet habt, um diese Songs zu verarbeiten. Passiert dir das heute auch noch, dass du Songs für THULCANDRA schreiben möchtest, die dann aber eher zu OBSCURA passen oder umgekehrt? Oder kannst du das mittlerweile strikt trennen?

Steffen: THULCANDRA wurden 2003, ein Jahr nach Gründung von OBSCURA, ins Leben gerufen, um beiden Bands eine klare Struktur zu geben. OBSCURA orientierten sich in eine Richtung, während THULCANDRA sich ganz im heutigen Stile entwickeln konnten. Anfangs wurden alle Stile vermengt und ohne klare Richtung in einem Demo namens "Illegimitation" festgehalten. Schon während der Aufnahmen wurde uns klar, die Stile etwas genauer kanalisieren zu müssen, daraus entstanden beide Gruppen. Mittlerweile arbeite ich konsequent vom ersten bis zum letzten Stück an einem Album für eine der Gruppen, erst nach Abschluss der Aufnahmen beginne ich Ideen für weitere Recordings auszuarbeiten. Es gibt keine Sammlung von ungenutzten Ideen oder Songs und keine willkürliche Aufnahmen von Fragmenten. Künstlerisch trenne ich beide Gruppen stark voneinander.

Zu Musik und Texten sagst du bei OBSCURA, dass es ein stimmiges Bild ergeben muss. Also zu der komplexen, tiefgründigen Musik muss es auch tiefgründige Texte geben. Wie siehst du das bei THULCANDRA? Müssen da auch Musik und Text ein stimmiges Bild ergeben?

Steffen: THULCANDRA verfolgen einen anderen Ansatz und stehen auf eigenen Füßen. OBSCURA sind an Konzepten orientiert während THULCANDRA auch mit voneinander losgelösten Texten zurecht kommen kann. THULCANDRA verfolgen mit fünf Alben musikalisch und optisch eine klare Linie, die wir klar verfolgen.

Würdest du dich selbst als musikalischen Perfektionisten bezeichnen oder kannst du auch mal über kleine Fehler auf einem eurer Album hinwegsehen?

Steffen: Mit der Abgabe aller Aufnahmen und des finalen Mixes an einen Mastering Engineer wird der Point of No Return erreicht, ab diesem Punkt werden keine Änderungen mehr zugelassen. Im Nachgang finden sich auf jedem Album und in jedem Song Details, an denen noch Änderungen durchgeführt werden könnten, den Status als perfektes Album habe ich noch nie wahrgenommen. Es bleibt die Frage, was als Fehler wahrgenommen wird: sind es Unsauberkeiten der Aufnahme, Fehler rein technischer Natur oder künstlerische Entscheidungen, die als falsch wahrgenommen werden? Ein THULCANDRA-Album lebt von einer gewissen rohen Herangehensweise, eine glattpolierte Produktion würde mit dem Material nicht funktionieren, mit OBSCURA hingegen muss ein Mix klar und deutlich gehalten werden, um viele Details im Rahmen der Musik überhaupt wahrnehmen zu können. Jeder Mix beginnt maßgeblich bereits im Songwriting und Arrangement. Kleine Unsauberkeiten haben Charakter und bilden in Summe die Persönlichkeit jedes Musikers ab, daher bevorzuge ich Takes mit Charakter anstatt sklavisch verfolgter Sauberkeit.

Anfang des Jahres warst du sowohl mit OBSCURA, als auch mit THULCANDRA auf ein und derselben Tour mit FLEHSGOD APOCALYPSE und WOLFHEART in den USA und Kanada. Wie war es, knapp vier Wochen jeden Abend erst mit THULCANDRA und später nochmal mit OBSCURA auf der Bühne zu stehen?

Steffen: Die Tournee war ein voller Erfolg und wahrscheinlich der Grund für unseren Charteinstieg in den USA. Mit beiden Bands an einem Abend aufzutreten war eine Herausforderung, aber auch Genugtuung zugleich. Es war eine Freude, mit diesem Tourpaket jeden Abend vor großem Publikum anzutreten und THULCANDRA nach zwanzig Jahren zum ersten mal nach Nordamerika zu bringen. Mit zehn ausverkauften Konzerten, darunter jede Show in Kanada, verlief die Tournee über den Erwartungen. Unabhängig von Besucherzahlen war die Unterstützung der Bands untereinander mein persönliches Highlight. Auch in schwierigen Situationen zogen alle an einem Strang und haben Unmögliches möglich gemacht. imgright

Ich war etwas auf euer Facebook-Seite unterwegs, und da habe ich gelesen, dass Teile eures Equipments, inklusive einer weißen ESP Flying V, letztes Jahr im September während einer OBSCURA-Tour gestohlen wurde. Hast du die Gitarre eigentlich jemals wiederbekommen?

Steffen: Leider wurde nicht eine, sondern tatsächlich drei Gitarren gestohlen. Während einer Europatournee wurde in unseren Storage Room eingebrochen und neben der genannten ESP EII Flying V eine Jackson Gitarre sowie eine der OBSCURA Custom Gitarren des Herstellers RAN Guitars entwendet. Neben unserem Raum wurden noch 18 weitere Räume binnen einer Nacht aufgebrochen und entleert, es traf nicht nur uns. Die Jackson und ESP Gitarren sind in allen THULCANDRA-Musikvideos zu sehen, die RAN Gitarre in einigen OBSCURA Clips. Da sowohl Namen wie Bandlogo in das Instrument eingearbeitet wurden, ist die Gitarre eigentlich unverkäuflich. Wir hoffen auf einen Erfolg seitens der Behörden und können im Moment nur abwarten. Alle Seriennummern, Fotos der Instrumente und weitere Details zu Cases etc. wurden eingereicht, mehr bleibt uns aktuell nicht übrig.

Was steht dieses Jahr noch sowohl für THULCANDRA, als auch OBSCURA an?

Steffen: Mit THULCANDRA arbeiten wir mit Napalm Records an einem Release, um unser 20 jähriges Bandjubiläum zu feiern und werden an einigen Festivals in Deutschland live spielen. Mit OBSCURA stehen Aufnahmen und verschiedene Tourneen in Südamerika und Asien für 2023 an bevor ein Studiotermin gebucht wird. Beide Bands sind umtriebig und ich freue mich auf weitere 20 Jahre.

Steffen, ich danke dir für das Interview, wünsche dir alles Gute und überlasse dir die letzten Worte.

Steffen: Besten Dank für euer Feature und das Interview.

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