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Interview mit Frédéric von Amahiru

Ein Interview von Wulfgar vom 24.12.2020 (3971 mal gelesen)
Anlässlich des Release des phänomenalen Debütalbums von AMAHIRU war Band(mit)gründer Frédéric Leclercq (KREATOR, SINSAENUM, LOUDBLAST, ex-DRAGONFORCE) bereit, sich von mir auf den Zahn fühlen zu lassen.

Ok, zuallererst: Herzlichen Glückwunsch zum ersten Album von AMAHIRU. Du hast vielleicht von Tim schon gehört, dass es mir sehr gut gefallen hat (10 von 10 Punkten im Review). In der Tat steht es sogar ganz oben auf meiner Liste besten Veröffentlichungen in diesem Jahr. Vielen Dank auch für die Gelegenheit, mehr über AMAHIRU zu erfahren.

Frédéric: Vielen Dank!! Das Album kam ganerell sehr gut an. Das war sehr positiv und wirklich toll, weil wir selbst sehr zuversichtlich in Bezug auf dieses Album waren. Aber man weiß nie, ob die Leute außerhalb der Band genauso fühlen wie man selbst. Scheint so, als ob sie es tun!

Ich weiß, dass die Geschichte von AMAHIRU angefangen hat, als du Saki kennengelernt hast. Das geschah als ihre Band DRAGONFORCE in Hongkong supportet hat. Ich habe mich aber gefragt, ob du auch schon vorher eine Affinität zu japanischen/ asiatischen Kultur hattest?

Frédéric: Ich war schon immer von Japan angezogen: Ich bin mit Animes und Videospielen aufgewachsen, die beide aus diesem Land stammen. So entwickelte ich ein natürliches Interesse für die Kultur; später, als ich das Land zum ersten Mal besuchte, habe ich mich noch mehr verliebt! Ich fühle mich wahrhaft zu Hause, wenn ich in Japan bin. Irgendwie sogar mehr, als wenn ich bin in meiner Heimat Frankreich bin.

Wie gut ist denn dein Japanisch? Ich könnte mir vorstellen, dass Sprachbarrieren das Arbeiten mit Musikern, die überall auf dier Welt verstreut sind, ziemlich schwierig machen kann.

Frédéric: Ich wollte es gerade schon sagen. Wenn die Sprache nicht wäre, würde ich schon längst in Japan leben. Aber leider ist mein Japanisch so gut wie nicht vorhanden. Wohlgemerkt, ich habe es nie wirklich versucht es zu lernen. Ich habe es aber vor einigen Jahren mal versucht. Irgendwie hatte ich Angst vor dem riesigen Haufen Arbeit. Zwischen Hiragana, Katakana und Kanji, habe ich irgendwo aufgegeben. Vielleicht versuche ich es eines Tages noch einmal. Aber um den anderen Teil deiner Frage zu beantworten: zum Glück spricht heutzutage fast jeder Englisch, also ist das in Ordnung. Ich denke, die Musik selbst ist eine Sprache, die wir in der Band sprechen. Da braucht manchmal keine Worte, um die andere Person zu verstehen. Das ist das Schöne daran.

Alleine schon in einer einzigen erfolgreichen Band zu spielen, wird von den meisten Musikern als extrem stressiger und zeitaufwendiger Job beschrieben. Wie findest du die notwendige Zeit und Energie, um noch ein weiteres Projekt und zu stemmen und wie lange hat es insgesamt gedauert AMAHIRU aus dem Boden zu stampfen?

Frédéric: Ich habe tatsächlich sogar vier Bands: KREATOR, SINSAENUM, LOUDBLAST und AMAHIRU. Über Zeit und Kraft denke nicht wirklich nach: Wenn du etwas willst, wirst du einen Weg finden es zu tun (was dann wohl bedeutet, dass ich nicht WIRKLICH Japanisch lernen wollte, hehe). An einem normalen Tag kann es sein, dass ich morgens an KREATOR arbeite, dann nach dem Mittagessen ein paar Ideen für AMAHIRU habe, dann zu SINSAENUM wechsle ... und so weiter. Das ist in Ordnung so und für mich ganz normal. Vielleicht ist es seltsam oder schwierig für andere Menschen. Für mich nicht. Ich muss mich ohnehin auf mehr als nur eine Weise musikalisch ausdrücken und mehr als eine Band zu haben erlaubt mir genau das zu tun, ohne dass ich meine Arbeit beeinträchtige. Es ist genau das Gegenteil. Ich habe den Luxus, eine Idee nicht mit einer Band erzwingen zu müssen, in die sie überhaupt nicht passt. Ich weiß nicht, ob das für irgendjemand anderen Sinn ergibt, aber für mich passt das so. Und ich denke, darauf kommt es an, oder? Haha!

In dem Promomaterial, das wir bekommen haben, gab es nur sehr kurze Informationen über den hierzulande noch relativ wenig bekannten Sänger Archie Wilson (er hat nebenbei bemerkt einen super Job abgeliefert). Dort stand aber, dass du etwas Mutigeres mit dem Gesang machen wolltest. Könntest du bitte etwas näher erläutern, warum du dich für Archie entschieden hast, wo du ihn gefunden hast und warum er eine mutige Wahl ist?

Frédéric: Ich traf Archie ganz unspektakulär durch gemeinsame Freunde. Ich war wirklich beeindruckt von seinen stimmlichen Fähigkeiten und auch auf menschlicher Ebene verstehen wir uns super, was immer wichtig ist. Als wir AMAHIRU gründeten, überlegten Saki und ich tatsächlich, mit Marc von DRAGONFORCE zusammenzuarbeiten, weil er ein großartiger Freund und ein ebenso großartiger Sänger ist. Aber je mehr wir den Sound von AMAHIRU entwickelten, desto mehr hatten wir das Gefühl, dass Marcs Stimme nicht zu dem passen würde, was wir uns vorgestellt hatten. Ich war in Tokio und habe an dem Album gearbeitet, und eines Nachts dachte ich auf einmal an Archie. Ich habe ihm eine SMS geschickt und gefragt, ob er Interesse an der Band hätte, an der ich zur Zeit arbeite. Am nächsten Tag erhielten wir eine Gesangsdemo für das Lied 'Bringing Me Down' und Saki und ich waren überwältigt. Sofort ergab alles einen Sinn. Er war sozusagen das fehlende Teil unseres musikalischen Puzzles. Ich bin mir nicht sicher, ob er eine mutige Wahl ist. Tatsächlich bin ich mir nicht mal sicher, ob ich überhaupt jemals gesagt habe, dass es "mutig" ist. Aber vielleicht glauben die Leute das, weil wir all diese bekannten Musiker (Coen, Mike, Elize ..)(Coen Janssen (EPICA), Mike Heller (FEAR FACTORY), Elize Ryd (AMARANTHE) - der Autor) auf dem Album haben. Aber als wir seine Stimme hörten, haben wir keine zwei mal überlegt. Sein Hintergrund und seine Berühmtheit spielten für uns keine Rolle. Und um ehrlich zu sein, dasselbe gilt für alle, die an der Band beteiligt sind. Was mir immer wichtig war ist die Beziehung, die ich zu den Menschen habe, mit denen ich Musik spiele. Ich könnte leicht über Managements, Labels etc. mit Leuten in Kontakt treten, die ausgezeichnet und wirklich bekannt sind, sie bezahlen, um die Arbeit zu erledigen, und fertig. Aber geht es wirklich darum? Ich möchte mit Menschen arbeiten, mit denen ich gerne zusammen bin, und jeder in AMAHIRU ist mein Freund. Und DAS ist es, was mir wichtig ist und was unsere Musik so organisch macht, weil es eine echte menschliche Verbindung gibt.

Ein großes Plus auf "Amahiru" sind die unglaublichen Instrumentalsoli. Gab es da eine bestimmte Inspiration wie du und Saki darauf gekommen seid?

Frédéric: Es gab keine spezifische Inspiration, außer der Tatsache, dass unsere Stimmung wirklich gut war und wir beide von den Songs, die wir uns ausgedacht haben und den beteiligten Personen begeistert waren und sind. Ich denke, das baut ich auf und motiviert dich, dein Bestes zu geben. Ich war wirklich glücklich, mit Saki zusammenzuarbeiten, mein Interesse für japanische Kultur und Musik zu erkunden und Zeit mit ihr in Tokio zu verbringen um die Songs fertigzustellen, wissend, dass mein Freund Jens Bogren das ganze abmischen würde. Alles zusammen motivierte mich beziehungsweise uns und brachte uns in Höchststimmung!

Einer der größten Pluspunkte des Albums ist meiner Meinung nach, dass es ganz unterschiedliche Songs wie "Ninja No Tamashii", "Samurai" und "Bringing Me Down" kombiniert und dennoch alle Songs den gleichen Spirit auszustrahlen scheinen. War es ein sehr schwieriger Prozess, dieses Ergebnis zu erzielen?

Frédéric: Normalerweise antworte ich auf diese Frage damit, dass das teilweise Archies Verdienst ist. Aber hier hast du jetzt ein Instrumental aufgeführt. Das macht mich glücklich, weil es bedeutet, dass da mehr als nur ein Grund ist. Großartig! Wir haben nicht wirklich gedacht: "Wir MÜSSEN zehn Songs schreiben, die gleich klingen", oder "Wir müssen ganz genau über unsere Identität nachdenken". Ich denke, wir wollten Elemente japanischer und westlicher Musik, traditionellen Hardrock, Songs mit großartigen Hooks und Groove kombinieren. Und dieses Album ist das Ergebnis. Wir hatten keinerlei Einschränkungen. Das ist das Schöne daran. Ich nehme diesbezüglich immer gerne ALICE COOPER als Beispiel. Hör Dir nur mal 'Welcome to my Nightmare' an. Als das 1975 herauskam. Er erforscht hier viele verschiendene Genres und trotzdem hab nie gedacht: "Hey, das ist aber nicht er". Ich fand es einfach großartig, solche Freiheit zu haben. Und Freiheit ist mir musikalisch gesehen sehr wichtig.

Die Kombination von Pop-Elementen und Metal wird unter Metalheads oft ziemlich kontrovers diskutiert. Auf "Amahiru" sind diese Einflüsse definitiv Teil des Deals. Denkst du, eine etwas offenere Denkweise über Einflüsse jenseits der Welt des Metals, würde einigen seiner Subgenres im Allgemeinen gut tun?

Frédéric: Ich höre viel Popmusik (hauptsächlich 70er und 80er Jahre). Ich denke, was mir letztendlich wichtig ist, ist die Qualität eines Songs. Wenn er kitschig ist, aber du die Ehrlichkeit dahinter spürst, ist es für mich in Ordnung. Also ja. Am Ende ist aber alles sehr subjektiv. Zum Beispiel finde ich heutzutage eine Menge Metal-Bands extrem kitschig, aber eben schlecht. Die haben Eurovision-Refrains und ich finde sie langweilig und, um einen deutschen Ausdruck zu verwenden, 08/15. Ich glaube nicht, dass AMAHIRU so ist, weil ich hoffentlich Musik schreibe die nicht so ist. Aber auch hier ist die musikalische Wertschätzung NUR subjektiv. Diese Diskussionen, die ich in meiner Jugend oft mit anderen Menschen geführt habe und die heute noch weniger Spaß machen, bedeuten aber am Ende nicht viel. Wer wird meine Meinung zu einer Band ändern, die ich nicht mag? Ich denke, sie sind scheiße. Was könntest du schon großartig sagen, damit ich auf einmal denke: "Oh! Ok, ich habe mich geirrt. Du hattest Recht. Jetzt finde ich sie super". Hahaha. Es gibt kein Richtig oder Falsch. Hehe, es scheint, als hätte ich mich mitreißen lassen. Du siehst also auch: ich bin sehr leidenschaftlich mit der Musik. Aber ich sehe mich in der Tat als sehr aufgeschlossen und wünschte, jeder wäre es. Aber es gibt eben einfach kein Richtig oder Falsch.

Obwohl ich die Antwort bereits kenne (weil das dämliche Corona-Virus immer noch weltweit verbreitet ist), kann ich nicht widerstehen zu fragen, ob es Pläne gibt, mit AMAHIRU live zu spielen?

Frédéric: Du kennst die Antwort tatsächlich, haha. Wir werden definitiv Konzerte mit AMAHIRU geben, weil wir das wollen. Aber wann und wie, ist momentan unmöglich zu sagen.

Für viele Kulturschaffende ist die Situation derzeit sehr schwierig, da (zumindest in Deutschland, wo ich wohne) alle kulturellen Veranstaltungen für den Rest des Jahres und weit darüber hinaus abgesagt wurden. Wie erlebst du die aktuelle Situation?

Frédéric: Ich habe kürzlich meinen Vater verloren und es hat irgendwie die Perspektive verändert (unser tief empundenes Beileid - Die Redaktion). Im Moment bin ich gesund und munter, also möchte ich mich nicht beschweren. Es tut mir leid für diejenigen, die unter dieser Situation leiden. Es ist auch in anderen Bereichen, Restaurants / Bars, im Transportwesen und so weiter, wahnsinnig schwierig. Ich versuche nur so optimistisch wie möglich zu bleiben und darauf zu warten, dass alles besser wird. Ich versuche die Zeit zu nutzen, um Musik zu schreiben und mich um andere Dinge zu kümmern. Kurz, ich versuche, das Beste daraus zu machen.

Zum Abschluss des Interviews möchte ich noch ein bisschen "Choose Your Side" mit dir spielen. Schreib so viel wie du willst zu den einzelnen Kategorien. Wollen wir?

Französische oder Asiatische Küche?

Frédéric: Französische Küche würde ich sagen, obwohl ich asiatisches Essen wirklich liebe. Mmm. Das ist eigentlich eine sehr schwierige Frage. Mal sehen. Wenn ich eine lange Zeit in Asien verbringe, sehne ich mich nach einer Weile nach französischem Essen. Ich sehne mich aber nicht so sehr nach asiatischem Essen, wenn ich zu Hause bin. Also ja, französisches Essen gewinnt!

Bass oder Gitarre?

Frédéric: Gitarre. Ich mag beide, aber Gitarre ist das Instrument, mit dem ich mich wirklich ausdrücken kann. Ich habe das Gefühl, dass ich mehr Emotionen vermitteln kann, wenn ich eine Gitarre in der Hand habe. Ich bin glücklich, mit beiden Instrumenten auf der Bühne zu stehen. Aber wenn ich eines auswählen muss, ist es definitiv die Gitarre.

Clean Vocals oder Growls?

Frédéric: Hängt von meiner Stimmung ab. Heute Morgen habe ich trainiert und dazu MORBID ANGEL gehört, aber gleich danach habe ich zu JUDAS PRIEST's "Turbo" gewechselt. Es kommt also wirklich darauf an. Aber genau heute, in diesem Moment, während ich das hier schreibe. Growls

Metal oder Pop?

Frédéric: Metal! Es ist was ich tue, definiert wer ich bin. Ich habe lange Haare, Tätowierungen, Piercings. Ich bin ein wandelndes Metal-Klischee. Hahaha. Ich mag auch Popmusik. Aber ja, ganz offensichtlich Metal.

Schnaps oder Bier?

Frédéric: Schnaps. Ich habe mir kürzlich eine Zapfanlage für zu Hause gekauft. Also mag ich natürlich auch Bier. Aber Whisky liebe ich wirklich.

Open Air oder Club-Gig?

Frédéric: Ich mag die Stimmung eines Auftritts im Club. Open Air bedeutet große Menschenmengen und das schmeichelt dem Ego, was wirklich cool ist. Aber bei Club-Gigs fühlt man sich mehr mit den Menschen verbunden. Es gibt mehr Interaktion mit der Menge. Auf Open Airs ist man eher getrennt. Aber auch hier sind natürlich beide Kategorien großartig!

Henne oder Ei?

Frédéric: Ach fuck. Hahaha. Nun, ich denke, das Ei kam zuerst von einem "fast" Huhn. Und boom! Hier kommt ein Huhn. Einmal Darwinismus zum Mitnehmen.

Nochmals vielen Dank für das Interview und viel Erfolg für AMAHIRU.

Frédéric: Ich danke dir!

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