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Interview mit Doris Yeh von Chthonic

Ein Interview von Opa Steve vom 31.12.2011 (2820 mal gelesen)
Doris Yeh stand uns auf der Tour mit Arch Enemy Rede und Antwort. Heraus kam ein interessanter Einblick in taiwanesische Geschichte und Metal in Asien.

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Hallo Doris! Zu allererst einmal: wie zum Teufel spricht man euren Bandnamen eigentlich richtig aus?

Doris Yeh: (lacht) Eigentlich heißt es Thonic (Th wie in "Thing"). Ohne "Ch". Aber wir wissen, dass uns viele Fans Kthonic oder Schthonic aussprechen, und das ist alles OK für uns. Die Plattenfirma, die sich vor dem Spinefarm-Deal für uns interessierte, fragte uns sogar, ob wir unseren Namen ändern könnten, damit es für die Leute leichter ist. Aber wir haben den Namen nun 10 Jahre, und das können wir nicht einfach mal ändern.

Woher kommt der Name?

Doris Yeh: Das Wort kommt aus dem Griechischen und steht für den Geist der Unterwelt. Viele fragen uns, warum wir einen griechischstämmigen Namen verwenden. Als unser Sänger mit der Band startete, suchte er einen echt coolen Namen. Er hat ein Lexikon aufgeschlagen, und die Bedeutung war erst einmal egal.

Ihr schreibt ja viele Alben über taiwanesische Geschichte. Jetzt "Takasago Army", davor "Seediq Bale", "Mirror Of Retribution". Ist dies eine Trilogie?

Doris Yeh: Ja. Als wir mit den Songs und Alben angefangen haben, haben wir nie darüber nachgedacht, ob es eine Triogie würde. Aber die Regierung hat eine Menge Geschichte unterschlagen. Die chinesische Armee hatte vor 60 Jahren den Bürgerkrieg verloren, zog sich nach Taiwan zurück und besetzte es. Taiwanesische Kultur wurde unterdrückt, und es wurde chinesische Geschichte statt taiwanesischer gelehrt. Viel Tradition ist heute verloren, und die meisten Bandmitglieder forschen gerne nach diesen Dingen, wie die heutige Gesellschaft und Politik entstanden sind. Und dann dachten wir: Wow! Da ist noch so viel Geschichte, von der wir nie etwas gehört haben, und warum wird sie nicht gelehrt? Also haben wir selbst geforscht. Nicht nur über Taiwan, sondern über alle ostasiatischen Länder. So auch für das letzte Album, "Takasago Army". Es handelt von der Besetzung durch die kaiserliche japanische Armee. Über 200000 taiwanesische Soldaten wurden rekrutiert und kämpften im pazifischen Krieg. Weder in unseren noch in den japanischen Geschichtsbüchern wird das erwähnt. Es ist eine Schande, dass 200000 junge Menschen dort kämpften, sich aber niemand erinnert. Es ist daher eine Art Mission, dass wir diese Geschichte geschrieben haben.

Und haben die Texte in Taiwan einen politischen Charakter?

Doris Yeh: Also am Anfang ... ich muss ausholen ... es geht nicht nur um die Musik, sondern wir engagieren uns in einer gesellschaftlichen Bewegung. Die taiwanesische und auch die chinesische Regierung wissen, dass CHTHONIC eine Band ist, die laut sagt, was sie denkt. Wir sind ein unabhängiges Land, also unterstützen wir auch ein freies Tibet, wir unterstützen die Menschenrechte. Man weiß, dass wir nicht einfach eine Band sind. Natürlich lieben wir unsere Musik, extremen Metal, aber man kann nicht nur in der Metal-Szene leben, sondern man lebt in der Welt. Die Welt ist so schön und es gibt viele Dinge, da wäre es doch schade, wenn man sich nur um die Metal-Sachen kümmern würde (lacht). Wir verbergen nicht, dass wir politisch sind und gesellschaftliche Änderungen wollen, uns um die Zukunft der Menschen sorgen. Um ... ja ... auf deine Frage zurück zu kommen ... wir stehen bei der chinesischen Regierung auf dem Index. In Taiwan ist es in Ordnung, Taiwan ist eine Demokratie. Wir können aber nicht in China spielen. Es ist einfach wie bei U2 oder BJÖRK.... wir gehören dazu, und darauf sind wir stolz (lacht).

Na dann ist ja alles prima! Aber ihr schreibt ja nicht nur über Geschichte, sondern auch über Mythologie. Ist das auch durch eure Kultur beeinflusst?

Doris Yeh: Ja. Unsere Kultur gibt eine Menge Inspiration. Nicht nur die taiwanesische, sondern generell die ostasiatische. Die Grenzen sind ja heute durch den 2. Weltkrieg gezogen worden. Davor lagen sie anders. Wir sind von einander beeinflusst, und daher möchten wir das nicht auf Taiwan beschränken. Die Geschichten stammen aus verschiedenen Regionen.

In Europa oder USA kennt man extreme Metal-Bands zur Genüge. Wie ist das in Taiwan und wie war es für euch?

Doris Yeh: Am Anfang vor 15 Jahren ... ich kam ja erst vor 10 Jahren dazu ... war das ziemlich hart - niemand hat hat zuvor Growls gehört. Dann wurden CHTHONIC im Laufe der Jahre immer größer, und wir spielten nicht nur in Clubs, sondern Silvester auch mal vor dem Präsidentenpalast....

... wie habt ihr das denn geschafft?

Doris Yeh: Die Regierungspartei war Pro-Unabhängigkeit. Wir haben zwei große Parteien. Eine ist für die Unabhängigkeit, eine für China. Wir beanspruchen die Unabhängigkeit, aber die Vereinten Nationen beachten das nicht....

... dann müsst ihr besser dort auftreten!?

Doris Yeh: Yeah! (lacht) - nun, diese Regierung unterstützte halt viel örtliche Kultur. Und für dieses große Neujahrs-Konzert vor dem Präsidentenpalast bekamen wir einen Platz. Und vor 8 Jahren gewannen wir den taiwanesischen Melody Award, der sich mit dem Grammy vergleichen lässt. Damit wurden wir halt recht populär, und die Leute konnten sich an diese Art von Musik gewöhnen. Wir haben es ihnen schonend beigebracht. (lacht).

Auf YouTube habe ich mal ein Interview gesehen, da wurdest du gefragt, mit welcher Band du am liebsten touren würdest. Deine erste Antwort war: ARCH ENEMY.

Doris Yeh: (lacht) ... scheint, als wäre dieser Traum wahr geworden! Die Tour mit ihnen macht eine Menge Spaß.

Was kannst du bisher über die Tour sagen?

Doris Yeh: Wir touren nun seit September mit ARCH ENEMY und haben in Nordamerika angefangen. Danach sind wir nach Großbritannien, um mit TURISAS zu touren, und jetzt machen wir hier in Europa weiter.

Was war denn für dich der größte Kulturschock in Europa? Leute, Essen, Bier....

Doris Yeh: Hmmmmmmmmmmm - manchmal die Toiletten! Die sind so hoch! Wenn ich darauf sitze, berühren meine Füße nicht den Boden. Das ist der Moment, wo ich denke: ich bin verdammt klein... (lacht). Aber jedes Land hat so seine Eigenarten. Ihr in Deutschland seit unheimlich exakt. Ich ließ mir von meiner Schwester aus Taiwan T-Shirts nachschicken und überlegte mir, in welches Land sie diese am Besten schicken könnte. Ich habe mich dann für Deutschland entschieden, weil ich glaubte, dass meine Sachen hier am Sichersten ankommen. Hätte ich sie früher benötigt, hätte sie mir sie nach Frankreich schicken müssen, aber ich glaube, die Franzosen sind etwas zu .... "entspannt" (lacht). Und ob das dann funktioniert hätte, wenn wir von Stadt zu Stadt reisen....

Verdient ihr eigentlich mittlerweile genug Geld, um von der Musik zu leben?

Doris Yeh: Wir haben in Taiwan alle reguläre Jobs, als Musiklehrer, Promoter, Musikhandel... natürlich hoffen wir, dass wir irgendwann von CHTHONIC leben können. Die Jobs sind flexibel genug, um die Band daneben zu betreiben. Es ist nicht wie im Büro, wo man jeden Tag pünktlich antanzen muss. Die Band haben wir auch als Firma angemeldet, damit wir soziale Absicherung bekommen. imgright

So, jetzt hab ich noch eine besondere Herausforderung ... (ich hole mein fettes Digipack von "Relentless Recurrence" raus)

Doris Yeh: Oh! Wie bist du da rangekommen?

Die hab ich hier gekauft - war ab 2007 auch in Deutschland erhältlich. Aber was ich eigentlich fragen wollte: ist das hier die Version für den weltweiten Markt?

Doris Yeh: Nein, eigentlich sind die Digipacks nur für Taiwan. Im Ausland wäre das zu teuer, aber in Taiwan ist eine solche Ausstattung eigentlich üblich.

Eben das hat mich gewundert. Diese aufwändige Ausgabe mit den ganzen Karten, Texten in beiden Sprachen ... und was ist das hier eigentlich? (zeige den Pergamentschnipsel)

Doris Yeh: Das ist ein Zauberspruch. Wenn du Unglück hast, von Geistern träumst oder von schrecklichen Dingen, dann gehst du in den Tempel, und ein Medium schreibt dir den Zauberspruch auf. Der beschützt dich dann.

Also muss ich ihn am Besten in meinem CD-Regal lassen, und er bringt mir dann Glück?

Doris Yeh: Jajajajajajaja! (lacht)

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Starke Sache, so ein Aufwand bei einer eigentlich hierzulande noch unbekannten Band! Ich kenne aber auch eure DVD, "A Decade On The Throne". Euer Publikum war da übrigens lustig - in Deutschland sieht man vor der Bühne einen schwarzen Block mit langen Haaren, bei euch stehen Kurzhaarige in bunten Wetterjacken, Straßenkleidung, oder als ob sie gerade von der Arbeit kommen.

Doris Yeh: Ich glaube, das ist einfach ein kultureller Unterschied. Metal-Kids kleiden sich nicht die ganze Zeit wie Metal-Kids, sie ziehen einfach was an. Manchmal auch HipHop-Shirts....

.... in Deutschland ein No-Go!

Doris Yeh: (lacht) ... ich glaube, in Taiwan sind wir da etwas unverkrampfter. Manche Mädchen stehen auch auf den Lolita-Look, es ist halt sehr unterschiedlich.

Den Lolita-Look hätte ich jetzt eher in Japan vermutet. Apropos Japan: die Japaner sind komplett verrückt nach deutschem Metal. Ob in den 70ern die SCORPIONS, in den 90ern HELLOWEEN oder BLIND GUARDIAN ... ist das bei euch in Taiwan ähnlich?

Doris Yeh: Taiwan und Japan haben eine ähnliche Kultur, aber ich habe nie verstanden, warum die Japaner so auf deutschen Metal abfahren. In Taiwan spielt das Herkunftsland eigentlich keine Rolle. Wir hören Bands aus den Staaten, Europa, Deutschland...

Tja, dann habe ich meine Fragen soweit durch, und vor allem habe ich nun das geheimnisvolle Pergament in meinem CHTHONIC-Album verstanden. Die letzten Worte an unsere Leser gehören nun dir!

Doris Yeh: Ouhhhhh huiiii.... ähem .... also: das letzte mal haben wir letztes Jahr im Juli bei euch gespielt. Das ist nun unsere zweite Tour in Europa, und wir freuen uns über diese Chance, wiederkommen zu dürfen. Für nächstes Jahr hoffen wir, uns weiter auf Touren und Festivals in Europa und Großbritannien konzentrieren zu können. Und wir freuen uns, euch alle wiederzusehen. Also seid dabei! Ach ja, und checkt unsere drei Videos vom neuen Album! Vielen Dank!

Nun, ich würde mich über eine baldige Rückkehr auch freuen, und bedanke mich für deine Zeit!

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