AT THE GATES - ein Special zum neuen Album "The Ghost Of A Future Dead"
Ein Artikel von Eddieson vom 18.04.2026 (489 mal gelesen)
Manchmal ist es schon erstaunlich, wie sehr der Tod eines Menschen nahe gehen kann, ohne diesen Menschen eigentlich gekannt zu haben. Als mich die Nachricht über den Tod von Tomas "Tompa" Lindberg am 16. September 2025 erreicht, musste ich mich doch tatsächlich erstmal setzen und mir gingen ein paar Bilder von Shows, auf denen ich Lindberg gesehen habe, durch den Kopf. Nein, ich kannte ihn nicht, aber ich kannte seine Musik, seine Leidenschaft für die Musik und damit hat er mir viel gegeben und deswegen hat mich diese Nachricht wie ein Schlag erwischt. Erst kurz vorher hatte er seine Krebserkrankung öffentlich gemacht. Doch in seinen Statements und auf den Bildern, die zu sehen waren, strahlte Lindberg so viel Positivität aus, dass es mir natürlich unendlich leid tat, ich mir aber bei dieser Kämpferperson keine großen Sorgen machte. Aber es dauerte nicht lange, da hatte Tomas Lindberg den Kampf gegen den Krebs verloren.
Ich durfte ihn einmal treffen, das war im November 2008, also kurz nach der AT THE GATES-Reunion auf Wacken, wo er vor 75.000 Menschen auf der großen Bühne gespielt hat. Im November danach war er dann mit DISFEAR unterwegs und spielte im kleinen AJZ Bielefeld. Ich traf ihn in der Küche, wo er mit bester Laune das Bandessen vorbereitet hat. Eine Szene, die mir bis heute im Kopf geblieben ist. Und was er dann auf der kleinen AJZ-Bühne geliefert hat, stand dem Festival-Auftritt in Wacken in nichts nach. Mit voller Hingabe und Leidenschaft bestritt er beide Shows. Völlig egal also, wie viele Menschen vor der Bühne stehen: Lindberg hat alles gegeben. Das zeigte er immer auf den verschiedenen Touren. Vor allem natürlich mit seiner Hauptband AT THE GATES, mit der er Geschichte geschrieben hat. Gegründet 1990 in Göteborg haben sie gleich (zusammen mit DARK TRANQUILITY und IN FLAMES) ein ganzes Genre mitgegründet, den Melodic Death Metal. Den haben sie geprägt wie keine andere und an dem haben sich um die Jahrtausendwende auch Bands aus dem Metalcore-Genre orientiert. Rein subjektiv gesehen können AT THE GATES auch kein schlechtes Album in ihrer Diskografie verzeichnen. Weder in der Frühphase bis "Slaughter Of The Soul" noch nach der Reunion ab "At War With The Reality". Die Schweden konnten aber nicht nur rein musikalisch überzeugen, auch die intelligenten Texte Tompas waren immer ein Highlight auf jedem Album, dazu kamen die schicken Artworks.
Wie es nach dem Tod Tompas mit AT THE GATES weitergeht, ist völlig unklar und so wirklich geäußert hat sich die Band bisher nicht. Und wenn ich ganz ehrlich bin, dann wird AT THE GATES ohne Lindberg nicht funktionieren. Erstmal steht jetzt aber die Veröffentlichung des neuen Albums "The Ghost Of A Future Dead" an. Zu diesem Album gibt es eine ganz besondere Geschichte, denn eigentlich war das Album schon 2024 fertig, die Band wollte aber warten aufgrund des Gesundheitszustandes von Lindberg. Die Stücke wurden 2023 geschrieben, die Demos ebenfalls schon Ende 2023 eingesungen, vier Songs fehlten aber noch. Und die hat Tompa doch tatsächlich in einem One-Take einen Tag vor seinem Krankenhausaufenthalt im Januar 2024 eingesungen. Was nochmal deutlich zeigt, mit welcher Leidenschaft und Hingabe Lindberg für die Musik gelebt hat. Und genau diese Leidenschaft und Hingabe hört man auf diesem Album. Und somit ist natürlich "The Ghost Of A Future Dead" kein gewöhnliches Album, sondern ein Vermächtnis eines charismatischen Sängers, der nicht nur eine einzigartige Stimme hatte, sondern sich auch immer wieder deutlich positionierte. Was hat "The Ghost Of A Future Dead" also zu bieten?
Ich bin da ganz ehrlich, es fällt unheimlich schwer, noch schwerer als sonst, hier die Musik objektiv zu hören, denn die emotionale Schwere, die dieses Album mit sich bringt, ist schon extrem hoch und schon bei den ersten Tönen zu 'The Fever Mask' entwickelt sich ein dicker Kloß im Hals. Der Song wurde ja schon im Vorfeld veröffentlicht und gibt natürlich die Richtung des Albums vor. Nachdem "The Nightmare Of Being" etwas vertrackter und experimenteller ausgefallen ist, gehen AT THE GATES auf dem aktuellen Longplayer wieder etwas straighter zu Werke. Das zeigt sich auch beim folgenden 'The Dissonant Void'. 'Det Oerhorda' ist ein brachialer Midtempo-Kracher, der Wände zum Einstürzen bringen könnte. AT THE GATES spielen hier ihre ganze Stärke aus. Und so verzeichnet sich zu Beginn des Albums schon ein echtes Highlight. 'A Ritual Of Waste' geht dann wieder etwas zackiger voran, kann aber im Verlauf mit einigen Rhythmuswechseln punkten. Insgesamt verbreitet das Album einen leichten "At War With Reality"-Charme. Aber wenn man genau hinhört, kann man auch etwas "Slaughter Of The Soul" heraushören. Und egal ob 'In Dark Distortion' oder 'Of Interstellar Death': Die Schweden verbreiten hier eine mächtige Energie, der man sich als Hörer und als Fan sowieso nicht entziehen kann. Doch können AT THE GASTES nicht nur mit Energie punkten, sondern natürlich auch mit Harmonien und Melodien. Da haben sie einfach ein Händchen für und das hört man zum Beispiel bei 'Tomb Of Heaven' sehr deutlich.
Für mich sind AT THE GATES ja am stärksten, wenn sie sich im Midtempo bewegen. Und so ist es nicht verwunderlich, dass 'The Parasitcal Hive' für den Schreiber dieser Zeilen auch wieder besonders hervorsticht. Letztendlich ist es aber auch egal, in welchem Tempo sie spielen, sie können einfach immer überzeugen. Man nehme da nur 'The Unfathomable', mehr braucht man eigentlich nicht zu sagen. Das knackige 'The Phantom Gospel' liefert eine perfekte Gitarrenarbeit und das folgende 'Forgangligheten' lässt dann etwas Zeit, um in Ruhe nochmal eine Träne zu verdrücken, während das abschließende 'Black Hole Emission' wieder mit epischen Gitarren das Album zum Ende bringt.
Am Ende von "The Ghost Of A Future Dead" wird einem nochmal bewusst, wie schmerzlich der Verlust von Tomas "Tompa" Lindberg ist. Sein rauer, leicht krächzender Gesang wird fehlen. Seine Persönlichkeit wird fehlen und so bleibt am Ende für mich nur Dankbarkeit. Danke Tompa für all deine Musik egal, ob mit NIGHTRAGE, THE GREAT DECEIVER, DISFEAR, GROTESQUE, THE LURKING FEAR, LOCK UP, SKITSYSTEM, SIGN OF CAIN und natürlich AT THE GATES, die mich in meiner musikalischen Sozialisation sehr geprägt haben. Danke Tompa und ruhe in Frieden!