North Sea Echoes - How To Cast A Shadow

Review von derkleinekolibri vom 26.07.2026 (720 mal gelesen)
North Sea Echoes - How To Cast A Shadow Die Sonne scheint. Im gleißenden Sonnenlicht steht das lilafarbene Cabrio mit dem schwarzen Verdeck auf dem Parkplatz vor dem Balkon. Aber es fehlt noch etwas, das eigentlich am 24. Juli 2026 per Post eintreffen sollte: das Album "How To Cast A Shadow" von NORTH SEA ECHOES. Doch der Postbote vertreibt die letzten Sorgen und liefert die Compact Disc rechtzeitig zum Tage der Veröffentlichung. Auf geht's!

Die Fernbedienung öffnet die Türen des 150 PS-Boliden. Mit der CD in der Hand lässt sich der Fahrer in die mit zweifarbigem Leder ausgestatteten Sportsitze fallen. Seit mehr als zwanzig Jahren schon daran gewöhnt, verschwindet der Silberling im Schacht des Pioneer CD-Radios.

Das Entriegeln des Verdeckmechanismus' erfolgt von Hand, gleichzeitig startet die CD. Die Elektromotoren öffnen den Verdeckkasten und lassen das Stoffverdeck in ihm verschwinden. Klappe zu, Auto auf und die Fahrt beginnt. Das CD-Laufwerk hat derweil die CD eingelesen und sie gestartet. Ein Signal ertönt, seichte Töne begleiten den Schließmechanismus. Der Motor wird gestartet, im selben Moment donnert das Schlagzeug los. Während die Fahrt beginnt, ertönt zum ersten Mal Ray Alders Stimme (ja, genau der von FATES WARNING) und Jim Matheos' (Mitbegründer von FATES WARNING) Gitarrenspiel treibt die sechs Zylinder erst sanft, später stärker an. Rays Gesang ähnelt ein wenig dem einiger New Romantic-Sänger der 80er Jahre. Stilvoll geleitet der erste Track 'A Time Of Innocence And Purpose' das Fahrzeug zur Hauptstraße. Diese leitet mit plätschernden Klängen das Gefährt an einem See vorbei. Wellenartige Riffs benetzen die Frontscheibe, leicht poprocklastige Klänge dringen an die Ohren des Hörers und bereits nach wenigen Sekunden wiegt sich der Kopf im Rhythmus der Wellen. Der zweite Titel 'Enjoy The View' passt wie die Faust aufs Auge. Man genießt die Wasserfontänen, die mit feinem Gesang und fetzigen Riffs unterlegt sind. Die Gischt des Wassers hinter sich lassend, harmonisieren sich die Gitarrensaiten im leicht vom Wind bewegten Feld. Atmosphärisch gehen die beiden Musiker hier zu Werke. Eine sanfte Melodie erklingt, der man sich nur allzu gerne hingibt. Das beruhigende Element von 'Good Enough' treibt den Cabriofahrer gemächlich vorwärts, führt ihn zu einer Lichtung im Wald, wo Glühwürmchen mit gekonnten Riffs und progressivem Gesang durch die Luft wirbeln und 'I'll Leave A Light On' zelebrieren. Mit wohlwollendem Blick wird aufs Gaspedal getreten und das sehr basslastige 'All Fall Away' kündigt die Passage durch einen düsteren Tunnel an. Die ins Mark gehenden tiefen Töne geben das Gefühl, von einer großen, sehr düsteren Halle umgeben zu sein. Die Sangesstimmen nehmen einem aber jede Furcht und nach dem Tunnel zeigt sich im Blickfeld jene belebte Kleinstadt, in der einige Menschen wohnen, die dem Fahrenden 'Revenge' aus Gründen geschworen haben, was musikalisch mit ausufernden Tönen, aber verhaltenem Gesang wiedergegeben wird. Das Flirren der Gitarre inmitten des Stückes bringt den Fahrer dazu, sich einen Rastplatz zu suchen und anzuhalten. Gemächlichen Schrittes wendet er sich einer Imbissbude zu, der man die Bezeichnung 'Villains Or Saints' wahrscheinlich zu Ehren einer Schriftstellerin gegeben hat. Die bestellte Currywurst brutzelt während des aufkommenden Gesprächs der beiden Singstimmen und schließlich verlässt der gesättigte Gast den Imbiss, nur um sogleich vorsichtshalber das Verdeck zu schließen. Im tiefgründigen Bass kündigen sich nämlich bei 'What Is And What Was' Wind und Regen an, wie auch eindeutig am Text feststellbar ist. Verklingen die letzten Töne des Stücks, prescht 'All That Comes After' mit Hagel, Sturm, Blitz und Donner über die Hörerschaft herein. Lediglich der Gesang nimmt keine derart metallischen Formen an. Die hinterbliebenen Spuren der tobenden Elemente lassen den zerknirschten Fahrer eine Waschanlage aufsuchen und das sanfte Gitarrengezupfe von 'How To Cast A Shadow' beseitigt die Verunreinigungen, die den Ausflug überschatten. Doch es gibt ein Happy End. Beim Verlassen der Waschanlage blinzelt die Sonne wieder durch die Wolken, wie die seichten, leicht verklingenden Töne verkünden.

NORTH SEA ECHOES haben mit "How To Cast A Shadow" ein Album hingelegt, das keinem FATES WARNING-Album in irgendetwas nachsteht. Es ist eingängig, fesselt den Hörer von der ersten bis zur letzten Sekunde und beweist einmal mehr, dass die Grenzen des Progressive Rocks noch längst nicht ausgelotet sind. Kein Wunder, bei solchen musikalischen Glanzfiguren, dass man zu einem derart ungewöhnlichen Review verleitet wird.

Das mit Abstand am meisten mitreißende Stück ist 'All Fall Away'. Das, und auch 'All That Comes After' möchte ich euch besonders ans Herz legen.

Das Cabrio steht nun wieder blitzblank sauber auf seinem Parkplatz ...

Gesamtwertung: 9.0 Punkte
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Trackliste Album-Info
01. A Time Of Innocence And Purpose
02. Enjoy The View
03. Good Enough
04. I'll Leave A Light On
05. All Fall Away
06. Revenge
07. Villains Or Saints
08. What Is And What Was
09. All That Comes After
10. How To Cast A Shadow
Band Website:
Medium: CD
Spieldauer: 41:40 Minuten
VÖ: 24.07.2026

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