Armored Saint - Emotion Factory Reset

Review von baarikärpänen vom 23.05.2026 (532 mal gelesen)
Armored Saint - Emotion Factory Reset "We can all take inspiration from our previous records, but that was a different time. Armored Saint don't want to make another "March Of The Saint". I want to keep moving forward, but we know who we are, it’s not like we're going to dish out the new trip hop, black metal, bluegrass album." (John Bush)

Damit bringt der gute John Bush genau das auf den Punkt, wofür ich ARMORED SAINT nun schon seit über 40 Jahren liebe und schätze. Natürlich war ich "enttäuscht", als ich "Delirious Nomad", den Nachfolger von "March Of The Saint", seinerzeit gehört habe. Wo war das nächste 'Madhouse', wo das nächste 'Can U Deliver'? Dieses Gefühl verflog aber ebenso schnell wieder, wie es gekommen war. Warum? Weil das immer noch unverkennbar ARMORED SAINT war, aber eben neu, frisch, unverbraucht. John Bush und Joey Vera (beide seit den Anfangstagen für den Großteil des Songwritings zuständig) sind so etwas wie die Meistermechaniker in der Garage, die es immer wieder schaffen, am eigentlich schon perfekt getunten Boliden die nächste Schraube zu finden, an der zu drehen für eine weitere Verbesserung sorgt. Genau das sorgt dann auch dafür, dass ARMORED SAINT sich auf eine absolut treue Anhängerschaft verlassen können, die sie mit jedem weiteren Album sogar noch vergrößern. So was muss man als Band, die nicht in der Tretmühle "Album-Tour-Album ..." festhängt, erst mal schaffen. Man kann es nicht anders sagen, aber ARMORED SAINT standen und stehen für ehrliche Arbeit. Und die zahlt sich am Ende des Tages eben aus.

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"Each Armored Saint record, to me, is like a new skin for the band, a different chapter. I don't think we've ever repeated ourselves." (Joey Vera)

Und die Haut, die sich ARMORED SAINT mit "Emotion Factory Reset" verpassen, ist eine ganz besondere. Normalerweise ist es so, dass Joey Vera die Songs fertigstellt auf einem Demo und sie danach von der Band umgesetzt werden. 'Throwing Caution To The Wind' allerdings wurde tatsächlich von der kompletten Band im Studio erarbeitet, was Joey Vera besonders gut gefallen hat. Es sind aber auch die Texte, die eine immer größere Bedeutung für ARMORED SAINT haben. Und John Bush mausert sich, was das angeht, zu einem immer besseren Texter. Hier sind Lyrics nicht nur Beiwerk, hier darf und soll man auch zwischen den Zeilen lesen. Ich habe die Band ja jetzt schon mehrmals gelobt, aber, das muss der Ehrlichkeit halber auch gesagt werden, es wird mit Sicherheit nicht jeder (sofort) warm werden mit "Emotion Factory Resest", sei es nun in Gänze oder auch nur wegen einzelner Songs. Dazu jetzt aber mehr.

Ganz ehrlich, wer mit einem solch starken Eröffnungsdoppel aus 'Close To The Bone' und 'Every Man-Any Man' sein Scheibchen eröffnet, der rennt bei mir offene Türen ein. Vor allem 'Close To The Bone' hat es mir angetan und als ob da eine übernatürliche Verbindung bestanden hätte, ist es endlich mal wieder ein Song, der sich an den schnellen Großtaten des Debüts (Titelsong, 'Madhouse') orientiert. Schon nach ein paar leisen Sekunden wird deutlich, was für eine gnadenlos gute Produktion Bassist Joey Vera dem Album verpasst hat. Das hat Punch, das drückt, so muss Metal sein! Über das direkt nachfolgende 'Every Man-AnyMan' sagt John Bush: "I feel the intro guitar part almost has an Andy Summers [Police] vibe to it, and then Joey goes into the cool bass groove that’s just vintage Joey, ..." und er trifft den Nagel damit auf den Kopf. Natürlich hat der Song an sich nichts mit POLICE zu tun, sondern ist ein schneller Groover mit einem schicken Chorus und - wie auf dem kompletten Album - einem John Bush in Höchstform. Der Mann ist wie ein guter Wein - je älter, desto besser. Überhaupt diese Groove-Songs, die eigentlich auf den letzten Alben der gepanzerten Heiligen schon recht präsent waren, sind hier noch mal gesteigert. Ebenfalls ein Verdienst von Joey Vera und seinem Bass. Ich bin mir sicher, wenn man seine Bass-Spuren ohne den Rest anhören würde, man müsste zumindest mit dem Fuß mitwippen, wenn nicht sogar das Tanzbein schwingen.

'Hit A Moonshot' ist dann der erste richtige Grower des Albums, der beim ersten Hör noch recht blass erscheint, aber taucht man erst mal in den Song ein, der in kleinen Teilen sogar fast punkig klingt (Riffing), dann stellt man fest, dass man nach ein paar Minuten bereits den Refrain nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Tja, und was dann folgt, habe ich persönlich von ARMORED SAINT so noch nicht gehört. ARMORED SAINT goes Grunge? Viele der großen Metalbands meinten ja zu Beginn der 90er auf den Grunge-Zug aufspringen zu müssen. Über 99 Prozent dieser Versuche decken wir das Mäntelchen des Schweigens. Aber wären ARMORED SAINT 1992 mit 'Buckeye' um die Ecke gekommen, sie wären dafür abgefeiert worden, wie man seinen Wurzeln treu bleibt, sich dem Zeitgeist annähert, ohne sich zu verbiegen und dabei noch einen Hit mal locker aus der Hüfte abfeuert. Das Riffing erinnert an STONE TEMPLE PILOTS ('Blush'), die Stimmung des Songs an PEARL JAM (die stärksten Momente vom "Ten"-Album) und doch ist es unverkennbar ARMORED SAINT. Und weiter geht die wilde Fahrt mit 'Compromise', das tatsächlich die funkigen Bassläufe von Joey Vera in einen kompletten Song umwandelt, was aber wunderbar funktioniert, ob man es glaubt oder nicht. 'It's A Buzzkill' ist dann einer der weniger spektakulären Songs auf "Emotion Factory Reset" (neben 'Bottom Feeder'), fügt sich aber sehr gut ins Gesamtbild ein. Verzichtbar sind beide Songs schon alleine wegen den Gitarristen Phil Sandoval und Jeff Duncan nicht, die hier auf hohem Niveau abliefern und natürlich nicht zu vergessen Gonzo Sandoval, der ein paar schicke Schlenker eingebaut hat.

Das bereits erwähnte und von der kompletten Band geschriebene 'Throwing Caution To The Wind' ist eines meiner persönlichen Highlights auf "Emotion Factory Reset", auch wenn es ein paar Durchläufe braucht. Ein gutes Beispiel dafür, dass "alte Hasen" wie ARMORED SAINT wissen, wie man die Spannung hochhält, ist 'Ladders And Slides', einer der am ungewöhnlichsten aufgebauten Songs auf dem Album, dessen erste Sekunden mich dann tatsächlich an U2 und vor allem deren Gitarristen The Edge erinnert haben. Keine Sorge, es bleibt danach natürlich zu 100 Prozent ARMORED SAINT. Aber der Song hat seinen ganz persönlichen Vibe, der sich damit vom Rest des Albums abhebt. So wie sie das Album begonnen haben, beschließen sie es auch mit 'Epilogue' wieder. Ein Stück, das auch auf dem Debüt oder auch auf "Delirious Nomad" eine prima Figur abgegeben hätte. Ob das vielleicht auch was damit zu tun hat, dass auf dem Cover wieder der Ritter auftaucht, der ja zuletzt auf "Raising Fear" (1987) so offensichtlich zum Zuge kam?

Bleibt festzuhalten, dass ARMORED SAINT mit "Emotion Factory Reset" ein Album veröffentlichen, das manch einen wohl ein wenig überraschen wird ('Buckeye', 'Ladders And Slides'), aber einmal mehr geradezu in Stein meißelt, wie wichtig die Band im Jahr 2026 noch ist. Im Gegensatz zu ihren Weggefährten, die seit Jahren stagnieren, so sie denn überhaupt mal was veröffentlichen, liefern ARMORED SAINT Album um Album, klingen immer wieder frisch und neu, ohne ihre Herkunft zu verleugnen. ARMORED SAINT war nie der finanzielle Erfolg von METALLICA vergönnt, obwohl sie ihn mehr als verdient gehabt hätten. Aber vielleicht ist das auch ganz gut so. Wir haben hier fünf Musiker, die sich abseits von ARMORED SAINT ihr Leben aufgebaut haben und deswegen völlig locker und ohne Zwänge an die Sache rangehen können. Bleibt zu hoffen, dass ARMORED SAINT noch so lange wie möglich Spaß an dem haben, was sie machen und uns noch einige dieser Perlen schenken. "Emotion Factory Reset" kratzt auf jeden Fall ganz knapp an der Höchstnote.




Gesamtwertung: 9.5 Punkte
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Trackliste Album-Info
01. Close To The Bone
02. Every Man-Any Man
03. Not On Your Life
04. Hit A Moonshot
05. Buckeye
06. Compromise
07. It's A Buzzkill
08. Throwing Caution To The Wind
09. Ladders And Slides
10. Bottom Feeder
11. Epilogue
Band Website: www.armoredsaint.com
Medium: CD, LP
Spieldauer: 48:01 Minuten
VÖ: 22.05.2026

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