Leatherhead - Violent Horror Stories | |
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| Review von Rockmaster vom 09.02.2026 (3379 mal gelesen) | |
Speed Metal muss - in der nostalgischen Retrospektive - klingen wie ein rostiger 80er-Jahre-Kadett, den man jenseits der vom Hersteller spezifizierten Motorleistung mit dem Fuß in der Ölwanne über die Überholspur der Autobahn prügelt, um einen Maserati auf der mittleren Spur auszubremsen. Das Rauschen vom leiernden Tape (natürlich eine Kopie von der Kopie von der Kopie) im Autoradio kommt gegen die Windgeräusche nicht ansatzweise an. Die Gitarren der Band jaulen ebenso wie der Motor, der nach 280000 Kilometern Fahrleistung aufheulend um Gnade fleht. Man weiß nicht, ob das gerade das Kreischen des Sängers war oder ob die Zylinderkopfdichtung endgültig den Geist aufgibt. Das Klappern des Kotflügels fügt sich nahtlos in das galoppierende Schlagzeug ein, und der berstende Krümmer stimmt lautstark in das überforderte Gitarrensolo ein. Während im Maserati Klassik wohltemperiert aus den Lautsprechern klingt, fliegen im Kadett die Matten - allzu oft auch die des Fahrers.Nun, diese stark von geschönten Jugenderinnerungen geprägte Erwartungshaltung erfüllen die griechischen Speed Metaler LEATHERHEAD nur teilweise. Mit dem Titel "Violent Horror Stories" ist schon mal der inhaltliche Rahmen für ihr zweites Werk umrissen. Der Opener 'V.H.S.' (weiß die Netflix-Generation noch, was das ist?) weckt erneut Erinnerungen an alte Tage, als "Video on demand" noch im Verleih um die Ecke abgeholt wurde und die entsprechenden Tapes ebenso leierten wie die Audio-Tapes im Autoradio. Natürlich musste das Band (unabhängig vom Alter des Ausleihers) aus dem FSK-18-Regal im separaten Raum sein, sonst taugte es nicht. Der Horror war entweder subtiler als heutzutage - oder einfach blutiger. Poltergeister, Kettensägen und Armeen der Finsternis prägten das Genre. Und wenn der Film gar auf dem Index war - umso besser. Aber kommen wir mal endlich zur Musik. 'V.H.S.' klingt in den ersten Takten eher nach klassischem Metal, um kurz darauf das Tempo anzuziehen. Das zentrale Riff flasht mich - ehrlich gesagt - nicht so sehr. Ansonsten stimmt die Pace, die Bassist George Bradley und Schlagzeuger Michalis Zounarakis vorgeben. Im letzten Drittel packen Thanos Metalios und Dimitris Komninos dann auch mal ordentlich Gitarrenpower drauf in Form von Soli und harmonischen Läufen. Tolis Mekras Stimme fügt sich perfekt ein - immer mal wieder ein wenig over the top oder am Limit, aber genau so muss das sein. 'Summoning The Dead' dreht die Tachonadel nicht auf Anschlag, gefällt mir aber besser als der Opener. Hier packen LEATHERHEAD eine Schippe Energie drauf. Mehr Hooks, mehr Gitarrenpower, griffigere Riffs. 'Children Of The Beast' beginnt mit schönen, ruhigen Klängen, um sich dann langsam zu steigern und gegen Ende zur Speed Metal-Nummer zu werden. Wo man Assoziationen zu HELLOWEENs 'Keeper Of The Seven Keys' haben könnte, fehlen mir hier aber die Melodien, die wirklich verfangen sowie ein klarer Spannungsbogen, der sich irgendwann auch wieder auflöst. Der Sound von "Violent Horror Stories" ist klar und moderat druckvoll, aber nicht auf Hochglanz poliert. Zwar kriege ich den Gedanken nicht aus dem Hinterkopf, dass Speed Metal früher häufig etwas dünne produziert war, so als wäre er in der heimischen Garage direkt von den Instrumenten aufs fertige Tape mit selbst kopiertem (schwarz-weiß, Farbkopien waren in den 80ern sauteuer) Inlay eingespielt worden. Aber seien wir ehrlich, hören wir uns alte Vertreter wie ZNÖWHITE (zum Beispiel "Act Of God") oder aktuelle wie SÖLICITÖR an, wird klar, dass das kein zwingendes Stilmittel ist. Was mir allerdings definitiv fehlt ist das Gefühl des alten Kadett, der nur noch von Spachtelmasse und Sprühdosenlack zusammengehalten wird. Es fehlt das Gefühl, dass LEATHERHEAD gleich komplett eskalieren könnten. Es fehlt die wilde, rohe Energie, die ich mir von Speed Metal wünsche, das Gefühl, dass der erste Take gleich gut genug fürs Album war. Mir fehlt das Gefühl, alle spielen am Limit, das Timing wackelt und rumpelt, aber es macht Bock wie Sau. Dieses Gefühl weckt auch der - für mich - ansonsten beste Titel der Scheibe 'Incubus' nicht. So passt die Musik weder zur alten Rostlaube (von denen dankenswerterweise eh keine mehr fährt) noch in einen ID.3. Lässt man die nostalgische Verklärung indes weg, bleibt "Violent Horror Stories" unterm Strich eine solide Scheibe mit guten Titeln, aber auch (für mich) Durchhängern. Ob die Musik gefällt, darf aber gerne jeder Speed Metal-Fan selber beurteilen. Gesamtwertung: 7.0 Punkte
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| Trackliste | Album-Info |
| 01. V.H.S. (3:35) 02. Summoning The Dead (3:22) 03. The Visitors (4:50) 04. Children Of The Beast (7:11) 05. Incubus (4:56) 06. Crimson Eyes (4:38) 07. Something Evil (This Way Comes) (5:19) 08. Dreamcatcher (3:48) | Band Website: www.facebook.com/LeatherHeadofficial Medium: CD Spieldauer: 37:38 Minuten VÖ: 13.02.2026 |
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Speed Metal muss - in der nostalgischen Retrospektive - klingen wie ein rostiger 80er-Jahre-Kadett, den man jenseits der vom Hersteller spezifizierten Motorleistung mit dem Fuß in der Ölwanne über die Überholspur der Autobahn prügelt, um einen Maserati auf der mittleren Spur auszubremsen. Das Rauschen vom leiernden Tape (natürlich eine Kopie von der Kopie von der Kopie) im Autoradio kommt gegen die Windgeräusche nicht ansatzweise an. Die Gitarren der Band jaulen ebenso wie der Motor, der nach 280000 Kilometern Fahrleistung aufheulend um Gnade fleht. Man weiß nicht, ob das gerade das Kreischen des Sängers war oder ob die Zylinderkopfdichtung endgültig den Geist aufgibt. Das Klappern des Kotflügels fügt sich nahtlos in das galoppierende Schlagzeug ein, und der berstende Krümmer stimmt lautstark in das überforderte Gitarrensolo ein. Während im Maserati Klassik wohltemperiert aus den Lautsprechern klingt, fliegen im Kadett die Matten - allzu oft auch die des Fahrers.
