Gavial - Thanks, I Hate It

Review von derkleinekolibri vom 23.01.2026 (733 mal gelesen)
Gavial - Thanks, I Hate It Zur Familie der Krokodile gehören Gaviale, und zwar die Ganges- und die Sundagaviale. Sie sind Piscivore und besitzen weit mehr als 70 Zähne. Mit Menschen also vollkommen unvergleichbar, aber dennoch gibt es vier deutsche Burschen, die sich unter der Bezeichnung GAVIAL entschlossen haben, monstermäßig gute und vor allem überraschende Musik zu machen. Zuvor waren die Jungs als TOURETTE BOYS unterwegs. Am 23. Januar 2026 erscheint ihr sophomores Album "Thanks, I Hate It", dessen Titel bereits zeigt, wie sie das derzeitige Weltgeschehen betrachten.

Schon 'Control', der fünfeinhalb Minuten lange Start in das insgesamt fast achtmal so lange Album, ist eine echte Offenbarung. Bassist Paul Kollascheck entfesselt wabernde Klangwelten, in denen sich das Gitarrenspiel des Sängers Benjamin Butter sowie des zweiten Gitarristen Paul-Willy Stoyan psychedelisch einfügt und schillernde Bilder im Kopf erzeugt. Ein wahrer Husarenstreich, mit dem man gerade wegen des naturbelassenen Coverartworks niemals gerechnet hätte. In diesem Stück verstecken sich auch Geräusche ähnlich jener, die man von Drehaschenbechern gewohnt ist, die diese verursachen, um die Asche geruchsverhindernd ins Innere zu befördern. Conrad Brod, der Schlagzeuger der Vierer-Formation, werkelt exzellent im Hintergrund, den er gelegentlich verlässt, um eigene Akzente zu setzen. Bravourös sind jene Stellen der Musik, in denen die Gitarren wie Sitars klingen - das muss man sich erst einmal trauen. Zu den psychedelischen Klängen kommen später noch bluesige hinzu, die dem Ganzen die Krone aufsetzen und 'Grow' zu einem grenzenlos geilen Höhepunkt machen. Und dann immer wieder dieses faszinierende Spiel der Gitarristen. Wer da von einer Gänsehaut verschont bleibt, dem wurden vermutlich sämtliche Härchen vorher entfernt, weil man ihn mit einer Weihnachtsgans verwechselt hat.

Vor 35 Jahren beschenkte CHRIS ISAAK die Musikwelt mit seinem ins Ohr gehenden Hit 'Wicked Game', dessen Brillanz scheinbar unübertrefflich war. Und was machen GAVIAL daraus? Eine Coverversion, die das Ende des Albums wie einen sieben Minuten dauernden Ohrgasmus erscheinen lässt. In diesem Stück steckt so viel Emotionalität, dass einem fast die Krokodilstränen kommen; man fühlt sich, als wäre man in Wattebäuschen gehüllt vor sämtlichen Gefahren der Welt geschützt.

"Thanks, I Hate It", dieses Objekt der Begierde, ist (m)ein erstes Highlight des noch nicht einmal vier Wochen alten neuen Jahres. Zulegen könnt ihr es euch in digitaler Form, vorzugsweise aber als Vinyl oder CD. Wie schon oft, empfehle ich das Hören mit guten Kopfhörern, denn erst so kommen die vielen Höchstleistungen der flirrenden Gitarrensaiten voll zur Geltung.

Auch wenn es nicht unsere Aufgabe ist, hier etwas Lebenshilfe: Wer Ärger mit seinem Partner hat, möge 'Wicked Game' siebenmal miteinander hören, danach ist sämtlicher Ballast abgefallen und man kann sich wieder in die Augen schauen und gegenseitig umarmen. "Let's do it!"

Gesamtwertung: 9.5 Punkte
blood blood blood blood blood blood blood blood blood dry
Trackliste Album-Info
01. Control
02. Koru Mindset
03. Pretender
04. Grow
05. Leviathan
06. Wandern
07. Wicked Game
Band Website:
Medium: CD, LP, Digital
Spieldauer: 43:04 Minuten
VÖ: 23.01.2026

Besucher-Interaktion

Name:
Kommentar:
(optional)
Meine Bewertung:
(optional)
(Hinweis: IP-Adresse wird intern mitgespeichert; Spam und Verlinkungen sind nicht gestattet)

Artikel über soziale Netzwerke verbreiten