Spock's Beard - The Archaeoptimist | |
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| Review von RJ vom 27.12.2025 (523 mal gelesen) | |
Spock’s Beard liefern mit The Archaeoptimist ein Album, das zugleich vertraute Merkmale der Band und frische, teils überraschende Akzente vereint. Nach einer längeren Schaffenspause wirkt die Platte wie ein klarer Impuls: nicht bloß ein weiterer Eintrag in der Diskografie, sondern ein Werk, das bewusst Position bezieht und experimentierfreudige Neugier mit songorientiertem Handwerk kombiniert.Charakteristisch ist die starke Präsenz der Keyboards, die das klangliche Zentrum formen. Ryo Okumoto fungiert hier als treibende Kraft und nicht nur als Tastenspieler, sondern als ideengebender Gestalter, dessen Sounds das Geschehen immer wieder neu einfärben. Das wirkt an manchen Stellen wie ein Solo-Projekt, gibt dem Material aber auch eine eigenständige Identität. Die Synthesizer-Arrangements reichen von klassischen, hymnischen Flächen bis zu funkig-verspielten Einwürfen und bringen damit Vielschichtigkeit in die Songs. Die Rhythmusgruppe liefert dazu erstaunlich viel Nachdruck: Dave Meros’ Bass pumpt mit markanter Präsenz, während der neue Schlagzeuger Nick Potters dem Groove sowohl Feinheit als auch Durchsetzungskraft verleiht. Beides zusammen gibt vielen Momenten die nötige Erdung, wenn sich Synthesizer und Gitarre in luftige Bereiche aufschwingen. Die Gitarrenarbeit trägt oft gebrochene, pointierte Linien bei - mal zupackend, mal filigran - und ergänzt die Keyboard-Texturen sinnvoll, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Stimmlich macht die Platte wiederholt Eindruck: Mehrstimmige Passagen sind sorgfältig arrangiert und sorgen für eingängige Momente, die sofort haften bleiben. Ted Leonard liefert die Leads mit klarer Intonation und emotionaler Wärme; die Harmoniegesänge der Band geben vielen Refrains zusätzlichen Glanz. Die Balance zwischen Komplexität und Singbarkeit können als gelungen bezeichnet werden, die Songs bieten genügend Ohrwurm-Momente, ohne ihre progressive Natur zu verraten. Das Album ist kompakt strukturiert: Sechs Stücke, die jeweils eigene Terrains abstecken. Der Opener 'Invisible' arbeitet mit einem prägnanten mehrstimmigen Intro, das die Aufmerksamkeit sofort bindet, bevor Instrumente einsetzen und den Song in eine energische, melodische Fahrt führen. 'Electric Monk' setzt auf Groove und rhythmische Raffinessen. Hier zeigen Bass und Keys eine verspielte Chemie, die den Track lebendig macht. 'Afourthoughts' legt harmonische Finessen und clevere Wendungen offen und ist ein Stück, das sich mit jedem Hören weiter entfaltet. 'St. Jerome In The Wilderness' geht atmosphärisch tiefer, da dunklere Klangfarben und ausladende Gitarrenlinien eine dichte, leicht dramatische Stimmung erzeugen. Im Zentrum steht der Titeltrack 'The Archaeoptimist', ein ausgedehntes, vielschichtiges Stück, das mehrere Themen und Stimmungen zusammenführt. Anstatt reines Repertoire vergangener Tage zu wiederholen, baut das Stück Szenen auf, lässt Figuren und Motive entstehen und arbeitet dramaturgisch mit Ruhe- und Steigerungsphasen. Es kombiniert introspektive, erzählerische Abschnitte mit opulenten, mitunter an rockige Härte grenzenden Passagen, in denen Soli und rhythmische Energie dominieren. Die Länge wird dabei sinnvoll genutzt, um so Themen variiert zurückkehren zu lassen, Übergänge sind organisch arrangiert und verleihen dem Verlauf so an Gewicht. Mit 'Next Step' endet das Album auf einer versöhnlichen, eher leichten Note. Der Song wirkt kompakter und zugänglicher, bringt aber dennoch die musikalische Handschrift der Band klar zum Ausdruck: Melodiefokus, sauber arrangierte Instrumentierung und ein optimistischer Grundton, der dem Gesamtkonzept entspricht. Produktionstechnisch ist "The Archaeoptimist" sauber gearbeitet: Der Mix gewährt jedem Instrument Raum, die Keyboard-Schichten sind reichhaltig, ohne den Bass oder die Gitarre zu überlagern. Gelegentliche Überfrachtung durch Soundideen ist zwar spürbar, da manche Passagen schnell zwischen den Stilrichtungen wechseln, doch diese Unruhe verleiht dem Album zugleich Energie und Unvorhersehbarkeit. In der Summe ist "The Archaeoptimist" ein mutiges Statement einer Band, die sich nicht hinter ihren eigenen Referenzen versteckt. Es ist kein klassisches Nostalgieprojekt, sondern eine Phase der Neuausrichtung, in der die individuellen Stärken - vor allem jene von Ryo Okumoto - deutlicher in den Vordergrund rücken. Das Ergebnis ist stellenweise ungleich, manchmal impulsiv, aber häufig spannend und einnehmend. Für Fans progressiver Rockmusik bietet das Album reichlich Material zum Entdecken. Für die Band selbst markiert es einen klaren Schritt in eine Gegenwart, die gleichermaßen auf Vergangenes Bezug nimmt und neue Wege auslotet. Gesamtwertung: 8.5 Punkte
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| Trackliste | Album-Info |
| 01. Invisible 02. Electric Monk 03. Afourthoughts 04. St. Jerome In The Wilderness 05. The Archaeoptimist 06. Next Step | Band Website: www.spocksbeard.com Medium: CD Spieldauer: 63.15 Minuten VÖ: 21.11.2025 |
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Spock’s Beard liefern mit The Archaeoptimist ein Album, das zugleich vertraute Merkmale der Band und frische, teils überraschende Akzente vereint. Nach einer längeren Schaffenspause wirkt die Platte wie ein klarer Impuls: nicht bloß ein weiterer Eintrag in der Diskografie, sondern ein Werk, das bewusst Position bezieht und experimentierfreudige Neugier mit songorientiertem Handwerk kombiniert.

