Kayo Dot - Every Rock, Every Half-Truth Under Reason | |
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| Review von Zephir vom 29.07.2025 (1564 mal gelesen) | |
Die Avantgardisten KAYO DOT gehören sicher zu jenen Formationen, die im Metal-Universum nur von erklärten Nischengängern und Nonkonformisten mit aufrichtigem Interesse verfolgt werden. Unter der Hauptverantwortung von Mastermind Toby Driver existiert die US-amerikanische Gruppe bereits seit 2003; die Besetzung, die im Laufe der Jahre eine Vielzahl gewöhnlicher und außergewöhnlicher Instrumente erforderte, änderte sich immer wieder. Beim neuen Release mit dem sperrigen Titel "Every Rock, Every Half-Truth Under Reason" handelt es sich bereits um das elfte Studioalbum. Hier wurde das originale Line-up der Anfänge von KAYO DOT wieder zusammengeführt: Neben Vokalist und Multiinstrumentalist Toby Driver, dessen Gitarren, Orgeln, Klarinetten und Flöten ich hier nicht alle aufzählen kann, hören wir noch die Stimme von Jason Byron. Wir hören Greg Massi und Matthew Serra an den Gitarren, Sam Gutterman an den Drums und Percussions sowie Timba Harris und Terran Olson an Saxophonen, Streichern und noch einigem mehr.Ebenso sperrig wie der Albumtitel ist auch die Musik selbst. Vorwegnehmen muss ich die Feststellung, dass "Every Rock, Every Half-Truth Under Reason" sowohl aus dem Metal- als auch aus dem Rock-Segment komplett herausfällt. Viel eher handelt es sich bei den fünf überlangen experimentellen Tracks um Formen, wie sie der sogenannten Neuen Musik entsprungen sein könnten. Wer Musik als Harmonie und Wohlklang oder auch als Provokation in Form arrangierter Dissonanz und komponierter Unstruktur goutieren möchte, der wird ganz sicher mindestens überrascht, vielleicht auch verwirrt oder gar abgestoßen. Die Platte, die von KAYO DOT als Liminal Metal bezeichnet wird, also als Schwellen-Metal oder Übergangs-Metal (ohne Ironie und esoterischen Beigeschmack ließe sich wohl auch im eigentlichen Sinne der Begriff der Transzendenz verwenden), liefert Klangwelten, die in absoluter Formlosigkeit sowohl mentale Introspektiven als auch erschreckend bedrohliche Realitätsszenarien zu vertonen scheinen. Jenseits üblicher Progressive-Klänge wird das mal verzerrt röchelnde, mal tranceartig verschwimmende Vokalorgan des Fronters begleitet von einem Arsenal an Instrumenten, die zu Teilen weder mit Metal noch mit Rock, genauso wenig mit Klassik zu tun haben. Traumähnlichen Zuständen gleich wird durch den Verzicht auf Metren und den gleichzeitig willkürlich anmutenden Einsatz von Schlagwerk - oder durch die komplette Abstinenz desselben - ein Raum erzeugt, in dem die Zeit stillsteht und das Geschehen sich zeitlupenartig ins Nichts entwickelt. Zuweilen klingt das verstörend und gruselig, wie beispielsweise direkt im Opener 'Mental Shed' oder im psychedelischen Fiebertraum 'Closet Door In The Room Where She Died'. Mitunter erscheint die Musik allerdings auch als ein nervöses, amorphes Gerumpel und Gefiedel, als würde jeder Musiker für sich an seinem Instrument improvisieren - 'Oracle By Severed Head' ist schon ein Track für Spezialisten. Hat man die Avantgarde der beiden letzten Alben "Moss Grew On The Swords And Plowshares Alike" (2021) und "Blasphemy" (2019) genossen in der stolzen Überzeugung, selbst aufs Äußerste antinormativ und revolutionär zu sein, dann wird diese Überzeugung nun noch einmal auf die Probe gestellt. Dass KAYO DOT mit ihrem neuen Output auch versuchen, das metaphysische Moment aktuell allgegenwärtiger algorithmisch erzeugter KI-Produkte zu bannen, wird spätestens mit dem über 23 Minuten langen 'Automatic Writing' deutlich. Was dereinst surrealistisch geprägt war, wird im Zeitalter sogenannter künstlicher Intelligenz dann wohl zur neuen Realität, sofern wir nicht mit dem Algorithmus verschmelzen wollen. Hut ab, wer bis zur 'Blind Creature Of Slime' durchhält. Was gibt es abschließend zu sagen? Ich habe im Laufe der Jahre schon über so manches Album geschrieben, es sei nichts für das gewohnte Hörverhalten des geneigten Durchschnittsmetallers. Aber die neue Platte von KAYO DOT ist nicht einmal so wirklich für Metaller, und sie ist auch nichts für Gewohnheiten, und gleich gar nicht durchschnittlich. Wer es wagt, der probiere einmal selbst, wie weit er mit "Every Rock, Every Half-Truth Under Reason" kommt. - ohne Wertung - | |
| Trackliste | Album-Info |
| 01. Mental Shed 02. Oracle By Severed Head 03. Closet Door In The Room Where She Died 04. Automatic Writing 05. Blind Creature Of Slime | Band Website: www.kayodot.net/ Medium: CD, LP Spieldauer: 66 min Minuten VÖ: 01.08.2025 |
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