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Interview mit Dario Rosenberg von Ravager

Ein Interview von Onkel Fellfresse vom 18.07.2021 (964 mal gelesen)
Das neue RAVAGER-Album "The Third Attack" begeistert an allen Ecken und Enden. Deshalb war es dringend angeraten, den sympathischen Axt-Malträtierer der Niedersachsen, Dario, zum Thrash-Talk zu bitten.

Gratulation zu eurem granatenstarken neuen Album. Nicht nur mich habt ihr komplett vom Hocker gehauen, sondern fahrt vollkommen zurecht rundherum beste Kritiken ein. Neben der Bay Area und dem Ruhrpott bekommt spätestens jetzt auch Niedersachsen eine fette Markierung auf der Thrash Landkarte. Da kann man sich schon mal zufrieden zurücklehnen und den Moment genießen oder gibt es Dinge, die ihr im Nachhinein noch ändern wollen würdet?

Dario Rosenberg: Hi Stefan! Danke für das dicke Lob! Dass das Album so gut ankommt, damit haben wir in dem Maße auch nicht gerechnet. Im Vorfeld, vor allem in den letzten Zügen der Songwriting-Phase, gab es für uns einige Schwierigkeiten, der Studiotermin rückte näher und das Material war erst halbfertig. Das war aber zum Teil der Tatsache geschuldet, dass wir uns zu wenig darauf und mehr auf die Auftritte konzentriert haben. Was an sich nicht schlecht ist, aber mit einem anrückenden Aufnahmetermin vielleicht nicht ganz optimal. Das war auf jeden Fall der Punkt, bei dem es sofort feststand, dass wir das beim nächsten Mal anders angehen.

Bevor wir "The Third Attack" näher beleuchten ein kleiner Rückblick. Du hast 2014 die Band mitgegründet. Wie verliefen die vergangenen sieben Jahre aus deiner Sicht, zumal ihr mit einer EP und drei Alben sehr fleißig wart? Welche Highlights möchtest du besonders hervorheben oder was muss unbedingt mal gesagt werden?

Dario Rosenberg: Diese sieben Jahre verliefen schnell! Ich kann mich noch sehr gut erinnern, wie wir uns vor unserem ersten Auftritt vor Publikum Gedanken gemacht haben, ob unsere Musik überhaupt ankommt oder auch wie Marcel mir damals eine Nachricht geschrieben hat, ob wir nicht etwas Musik zusammen machen wollen. Natürlich gibt es auch viele spätere Highlights, aber an diese frühen Tage der Band denke ich am liebsten. Das führt mir den Kontrast zu heute vor Augen, da man sowas, vor allem wenn es ein relativ natürlicher Prozess ist, sonst gar nicht so bemerkt. Ich glaube wir sehen uns eigentlich nach wie vor wie ein Haufen mittelmäßiger Hobbymusiker, die einfach ein bisschen zusammen im Proberaum rumpeln.

Zum neuen Album: gemessen am Ergebnis hat euch die Pandemie nochmals einen zusätzlichen Schub verpasst oder war es eher andersherum und ihr habt euch mehr quälen müssen? Was war die größte Herausforderung während der Arbeit am Album?

Dario Rosenberg: Eigentlich war das Gegenteil der Fall. Der plötzliche Wegfall von Konzerten hat zum Ersten die Motivation ziemlich in den Keller getrieben und zum anderen konnten wir uns in der Zeit nicht wirklich zum Proben treffen, obwohl es vor allem in den letzten Wochen/Monaten vor den Aufnahmen bitter nötig war. Wir haben zudem nicht allzu viel am Hut mit irgendwelchen Messenger-Diensten, das ist uns zu kompliziert. Das größere Problem von beiden war aber (zumindest für mich) ganz klar die Motivation.

Wie läuft generell der Songwriting Prozess bei euch ab? Seid ihr da eher demokratisch zugange oder fliegen auch mal die Fetzen?

Dario Rosenberg: Der generelle Prozess ist der, dass sich Marcel den Großteil der Songs anscheinend auf der Arbeit oder der Toilette zu Hause ausdenkt. Jedenfalls kommen von ihm meistens schon komplette Rohversionen der Lieder. Das ist auch gut, ich hoffe diese Quelle versiegt nicht so schnell, ich selber bin zu faul für sowas. Manchmal treffen wir uns dann zu zweit und ich sage, was ich blöd finde und bringe eigene Ideen/Riffs mit ein oder das ganze passiert im Proberaum zusammen mit den anderen Jungs. Wir probieren viel aus und verändern viel und manche Songs enthalten am Ende vielleicht noch ein, zwei Parts von ihren ursprünglichen Versionen. Ganz am Schluss kommt dann der Feinschliff, wo Soli platziert werden können und Harmonien und sowas. Da wir zu fünft sind, können wir immer gut demokratisch abstimmen, es gibt nie ein Unentschieden. Aber manchmal gibt es Dinge, bei denen jemand vehement auf seiner Meinung beruht (ich sehe mich selber schuldig), die dann bis zum Letzten Streitpunkte bleiben und sich erst im Tonstudio klären, wenn entweder Jörg (Uken – Soundlodge Studio) erfolgreich moderiert oder wir einfach beide Versionen zum direkten Vergleich aufgenommen haben. imgright

Die Gitarrenarbeit ist sehr knackig und abwechslungsreich, gerade die Leads und Soli sitzen wie eine Eins. Ich mag es, wenn Soli, wie zum Beispiel in 'Planet Hate', einen Song anschieben und nicht nur eine Notwendigkeit darstellen. Eine Prise Bay Area und ein Schuss SLAYER linsen dezent durch, ohne zu offensichtlich zu sein. Welche Inspirationsquellen hast du über die genannten hinaus? Wie arbeiten Marcel und du ihre Parts aus?

Dario Rosenberg: Der Punkt mit SLAYER ist interessant, da ich Hanneman und King nie als großartig inspirierend für mich gesehen habe. Ich mag bis auf einige Songs auf "Show no Mercy“ nicht einmal Slayer besonders gern. Aber vielleicht hole ich mir in der gleichen Ecke Inspiration wie die beiden. Ich höre zum Beispiel sehr gerne frühere JUDAS PRIEST und sowas. Ich fand immer der klassische Heavy Metal hat – mit Ausnahmen natürlich – oft schönere Soli. Wenn man dann versucht etwas in der Richtung zu spielen, es aber wie ich nicht kann und dazu die Geschwindigkeit verdoppelt, dann kommt wohl so etwas bei raus. Für manche Parts arbeite ich in Ruhe Harmonien und Melodien aus, wenn es schneller wird, falle ich jedoch viel in gewisse Muster zurück. Ein Punkt, in dem ich mich gerne noch verbessern möchte. Bei Marcel sieht es damit schätze ich ähnlich aus, er hat nur etwas weniger theoretisches Musikwissen, weshalb er mir die Solo-Arbeit gerne überlässt, da ein Solo ab und zu auch Parts verbinden kann/soll/muss und es nicht immer darum geht bloß viele hohe, schnelle Gitarrentöne zu spielen.

Ich glaube auch an mancher Stelle einen Hauch Jeff Waters Inspiration zu vernehmen, strafe mich Lügen, wenn ich falsch liege. Welche Gitarristen sind deine größten Einflüsse?

Dario Rosenberg: ANNIHILATOR waren glaube ich mein größter Einfluss, als ich technischere und schnellere Musik für mich entdeckt habe. Jeff Waters hat zudem einen verdammt coolen, merklich von Eddie Van Halen beeinflussten Stil in seinen Soli. Was bei mir aber hängen geblieben ist, sind seine verdammt präzisen, schnellen Rhythmus-Läufe. Einen solchen habe ich zum Beispiel in unserem Song 'Destroyer' im Refrain eingebracht. Ansonsten sind wohl meine größten Einflüsse neben dem klassischen Priest-Duo generell all diejenigen Gitarristen, die mich motivieren, die Gitarre doch immer mal wieder in die Hand zu nehmen. Wahrscheinlich allen voran Michael Angelo Batio und Paul Gilbert. Die Typen mag man albern und übertrieben finden oder den Stil überhaupt nicht mögen, aber seit Jahren sehe ich mir mit unserem Sänger Philip immer mal wieder Videos von den beiden an, dann wird kurz gelacht, gestaunt und irgendwie vermittelt das Spaß an der Sache. Und das sollte doch das wichtigste bleiben.

Mit dem starken 'Intruders' wird das Album mit einem Instrumentalsong eröffnet. Nicht einfach nur ein Intro, sondern ein waschechter Banger. Das Stück dürfte auch live eine Granate darstellen. Habt ihr den Song für Konzerte eingeplant, OBITUARY zum Beispiel eröffnen ihre Gigs auch mit dem Instrumental 'Redneck Stomp', und kannst du mir mehr zu 'Intruders' erzählen?

Dario Rosenberg: Unser Anspruch geht eh dahin, dass wir das komplette Album mindestens einmal live durchspielen. Dafür müssen wir aber nach einem dreiviertel Jahr ohne vernünftige Probe erstmal eine Menge üben. Wir sind ja keine Berufsmusiker. Da der Song kurz und knackig ist, bietet er sich auch als Live-Intro an, aber das wird sich letztendlich herausstellen, wenn wir die Setlists ausarbeiten. Der Song stammt komplett aus Marcels Feder, ich habe nur bei einer Probe bemerkt, dass er mich an 'Live, Suffer, Die' von NUCLEAR ASSAULT erinnert. Daher kam dann die Idee, ihn ohne Gesang zu lassen und ihn als Intro zu nehmen. Das hat mich etwas Überzeugungskraft gekostet, aber nachdem die Instrumente dafür aufgenommen, der Song etwas gekürzt und die Gitarrenmelodie ab der zweiten Songhälfte geschrieben war, waren alle mit der Idee zufrieden.

Der dynamische Longtrack 'Destroyer' ist mittlerweile mein persönlicher Fave (sieht man auch in den B4M Playlists 😉). Was kannst du mir darüber erzählen, bei langen Songs läuft man leicht Gefahr sich zu verzetteln, aber 'Destroyer' läuft wie aus einem Guss.

Dario Rosenberg: 'Destroyer' war der letzte Song, den wir für das Album geschrieben haben. Was mir am besten daran gefällt ist, dass der Song wirklich gemeinsam im Proberaum entstanden ist, nachdem wir uns nach der Corona-Motivationsbremse noch einmal kurz zusammengerissen haben. Wir hatten ein Gespräch darüber, in welche Richtung wir mit unserer Musik gehen wollen und eine Sorge war, dass wir technisch nicht in der Lage sein werden "Thrashletics“ zu toppen. In diesem modernen Thrash Metal gibt es unzählige Bands, die uns dreimal an die Wand spielen können. Wir hatten also ein kurzes Brainstorming, in welche Richtung wir gehen wollen, wo auch unsere ganz eigenen Qualitäten als Band (Nach 5, 6 Jahren ohne Besetzungswechsel kann man das gut einschätzen) glänzen können. Das hat dann diesen Song ziemlich Richtung Speed- und Heavy Metal gedrückt und in dem Zuge hat auch 'Planet Hate' noch ein Make-Over bekommen. Insgesamt fügt sich diese Kurskorrektur sehr gut in den etwas düsteren Sound des Albums ein und hilft vielleicht auch, das Album etwas vom momentan gängigen "Pizza-“ oder "Mützen-Thrash“, wie wir ihn spaßeshalber nennen, abzuheben.

"The Third Attack" hat einen lebendigen und brachial fetten Sound, wie habt ihr das hingebogen? Hattet ihr Unterstützung?

Dario Rosenberg: Das Album haben wir komplett im Soundlodge Studio in Rhauderfehn unter Leitung von Jörg Uken aufgenommen. Der Sound ist ihm zuzuschreiben. Bei "Thrashletics“, welches wir auch mit ihm aufgenommen haben, hatten wir glaube ich noch ein paar Wünsche zum Sound geäußert, was dieses Mal gar nicht passiert ist und das Ergebnis ist sogar noch besser! Abgesehen von seiner super Arbeit nehmen wir unsere Instrumente „old School“ über Verstärker und Mikros auf und da haben JCM800 und 5150 nicht umsonst ihren jeweils legendären Status. Diese Dynamik von „echten“ eingespielten Instrumenten bis zum fertigen Tonträger zu erhalten ist denke ich dann die große Kunst an der ganzen Sache.

Nicht nur musikalisch, sondern auch bei den Lyrics haltet ihr, wie schon in der Vergangenheit, nicht hinter dem Berg und zehrt die menschlichen Abgründe in Bereichen wie Politik und Religion hervor und legt den Finger in die Wunde. Inspiration gibt es mehr als genug. Welche Themen sind dir und euch besonders wichtig und können nicht genug Erwähnung finden?

Dario Rosenberg: Ich glaube, das schlimmste Problem heutzutage ist das Verständnis der Menschen von Verantwortung. Verantwortung wird nur real, wenn sie auch übernommen wird, und das gilt im Positiven, sowie im Negativen, ansonsten ist es nichts als eine Rechtfertigung oder eine Ausrede um sich den eigenen Egoismus schönzureden. Bevor man selber zurückstecken muss, wird dann gesagt „Dafür bin ich nicht verantwortlich“, nur wenn etwas gut gelaufen ist, wird dann stolz die Verantwortung dafür verkündet. Jeder von uns hat eine riesige Verantwortung gegenüber seinen Mitmenschen und seiner Umwelt. Sicherlich kann man sich nicht in allen Lagen perfekt verhalten, aber sich von vorneherein zu denken"Da bin ich nicht für verantwortlich, da kann ich eh nichts ausrichten.", ohne sich einen einzigen ehrlichen Gedanken zu machen, ist grundsätzlich das schwächste, was ein Mensch in welcher Situation auch immer abliefern kann.

Seit eineinhalb Jahren befindet sich die Welt fest in der Hand einer Pandemie, die viele Abgründe des menschlichen Wesens hervorgespült hat. Wie siehst du die Entwicklung für die Zukunft, kriegen wir die Kurve?

Dario Rosenberg: Die Frage ist: welche Kurve? Dass wir lernen mit diesem Virus umzugehen, beziehungsweise es irgendwie eindämmen können, ja. Da bleibt uns auch nichts anderes übrig. Dass die Menschheit daraus gelernt hat, dass ein „Weiter so“ wie vor der Pandemie auf lange Sicht nicht tragfähig ist und einsieht, dass wir uns gerade die eigene Lebensgrundlage zu Gunsten von Profit zerstören ... hoffen wir es.

Ich finde, euer Sänger Philip nutzt seine stimmliche Bandbreite auf "The Third Attack" noch viel akzentuierter aus. Mich würde echt interessieren, wie er sich bei einer Power Ballade machen würde. Oder könnt ihr gar nicht langsam?

Dario Rosenberg: Langsam ist oft schwieriger als schnell und vor allem bei Balladen, da müsste man ja wissen, wie Akkorde gehen und so. Von daher ... vielleicht können wir nicht, aber ganz sicher wollen wir auch nicht (ich für meinen Teil zumindest), da gibt es viele, die das um einiges besser draufhaben.

Der "Keulator" schmückt schon zum zweiten Mal eines eurer Albumcover. Ist er damit das feste RAVAGER Maskottchen? Wie kamt ihr zu dem Burschen und was gibt es zur Covergestaltung zu erwähnen? Wer ist dafür verantwortlich und habt ihr dem Künstler freie Hand gelassen oder genauer Vorstellungen vorgegeben?

Dario Rosenberg: Als wir mit Timon (Kokott – Artwork "Thrashletics“ und "The Third Attack“) über das Cover für "Thrashletics“ gesprochen haben, wollten wir ein reptilienartiges Monster, das irgendwie Sport macht ... eine ziemlich alberne Vorgabe vielleicht, aber passend zum Titel des Albums. Die Umsetzung ist mit vielen eigenen Ideen von Timon passiert, er hat uns, wie auch bei dem jetzigen Artwork, Dinge vorgeschlagen und wir haben abgenickt und vielleicht noch ein, zwei Vorschläge gegeben. Während der Gespräche, war mangels eines Namens immer die Rede von "Keule", wenn es um den Frosch ging, dieser Name ist hängen geblieben. "Keulator" war glaube ich nur die Bezeichnung für ein Shirt Design. Wahrscheinlich wird uns der Junge noch etwas begleiten.

Dieses Mal tobt der "Keulator" sich im All aus, seid ihr Science-Fiction Fans? Das wirft die Frage auf Star Wars oder Star Trek?

Dario Rosenberg: Die Thematik ist cool und sorgt bei guter Umsetzung immer für eine geile Atmosphäre, ob in Büchern, Musik oder Filmen. Wir sind aber sicherlich keine Sci-Fi Nerds. Als Kind habe ich sehr gerne die Star Trek Filme gesehen, als meine Geschwister und ich dann das erste Mal Star Wars gesehen haben, war das natürlich ein riesen Ding für uns. Bei Star Wars gefällt mir sehr das Set Design der frühen Filme. Star Trek war aber aufgrund seines Settings immer etwas zugänglicher und wirkte weniger märchenhaft. Es gab die Erde und in einem Film gab es sogar eine Zeitreise in die 80er Jahre, wo Scotty versucht, mit einem Computer zu reden oder Mr. Spock mit seinem Betäubungsgriff einen Punk mit einem zu lauten Radio in einem Bus außer Gefecht setzt. Solche Szenen waren als Kinder unsere Highlights.

Bereits im April habt ihr zum Titelsong 'The Third Attack' einen Videoclip online gestellt. Sieht nach Spaß aus. Was kannst du mir zum Dreh erzählen und wie wichtig sind euch die Clips, ihr habt ja in der Vergangenheit auch schon welche veröffentlicht?

Dario Rosenberg: Der Dreh zu 'The Third Attack' war sehr simpel gehalten. Ich habe eine Nebelmaschine von einem Bekannten ausgeliehen, wir haben ein paar LED-Strahler aus dem Proberaum auf den Boden gelegt und André hat einen nach dem anderen gefilmt. Dafür ist es doch ganz gut geworden und ein so kurzer Song braucht zum Glück nicht viel Inhalt. Da ich aber persönlich nicht so der Schauspieler bin, fällt mir ein solcher Dreh immer schwerer, als live auf der Bühne alles zu geben, da kommt das auf natürliche Weise und macht mir auch Spaß. Ginge es nach mir, müssten wir nicht unbedingt Musikvideos machen, aber ich verstehe natürlich, dass dies ein wichtiger Teil der Album-Promotion ist. Und manche Videos guckt man sich ja auch gerne an.

"The Third Attack" erscheint als CD beim Qualitätslabel Iron Shield Records, die Vinylversion im Eigenverlag bei Thrashletics Records. Ist Vinyl eine Herzensangelegenheit im Haus RAVAGER?

Dario Rosenberg: Da Thomas ("Duck" Dargel – Iron Shield Records) das Label auf eigene Faust, unabhängig und vor allem aus Leidenschaft führt, ist es eines der wenigen, in die sich keine Bands "einkaufen" müssen. Wer gute Musik liefert, bekommt den Deal, wer nicht liefert, der nicht. Das ist zwar nicht das Modell, um mit Musik ein riesiges Geschäft zu machen, allerdings ist es ein ehrliches und faires Konzept. Wir hatten schon bei (Szene-!) Labels angefragt, wo dann in der ersten Nachricht gleich Preise in vierstelligen Bereichen standen, die von uns an das Label zu zahlen wären, damit überhaupt Promotion gemacht werden könne. Sowas ist natürlich Geschäftsstrategie, um sich von vorneherein abzusichern, falls die Band doch floppt, hat aber nicht mehr sehr viel mit Leidenschaft und Liebe zur Musik zu tun. Der Vertrieb der Vinylversion im Eigenverlag ist somit letztendlich der eingeschränkten Kapazität des Labels geschuldet, wir sind ja nicht die einzige Band dort unter Vertrag. Im Sinne von Promotion und Reichweite war unser erster Deal mit Iron Shield Records – und in Folge die zwei weiteren – ein reiner Segen. Das hätten wir niemals in Eigenregie hinbekommen. Und nicht umsonst hat die Diskussion um ein Label zur Veröffentlichung des neuen Albums nur ungefähr fünf Sekunden gedauert.

Als ich aufwuchs, gab es Vinyl, Tapes und die CD war grad in der Aufstiegsphase. Mittlerweile gibt es viele Möglichkeiten, besonders über digitale Plattformen, auf Musik zuzugreifen. Leider nicht immer positiv für die Künstler, die in einigen Fällen gar nicht oder nur minimalst für ihre Arbeit entlohnt werden. Wie siehst du die Entwicklung in der Zukunft? Zum Glück ist die Metal-Gemeinde sehr loyal.

Dario Rosenberg: Genau diese Loyalität ist es, weshalb viele (Metal-) Künstler überhaupt noch Musik machen können. Spielt man nicht auf den großen Festivalbühnen der Welt, muss man meistens auch die Aufnahmen, Merchandise, Artwork (und und und...) aus eigener Tasche bezahlen. Das geht nur, wenn man entweder viel Geld übrig hat oder man doch noch Tonträger verkaufen kann, dass zumindest ein Teil der Kosten wieder reinkommt. Dienste wie Spotify bringen meiner Meinung nach nur denjenigen Künstlern direkt was, deren Remix eines 80er Jahre Pop Songs in jeder angesagten Party-Playlist ist und millionenfach gespielt wird. Bei den kleineren Künstlern können digitale Plattformen jedoch Wunder bezüglich Promotion wirken, weshalb dann echte Fans aufmerksam werden und Tonträger oder Merchandise kaufen. Daher keine schlechte Sache per se. Und wer die Musik hören will, ohne einen Cent zu bezahlen, der kommt eh auf die eine oder andere Art ran. Dem kann man keinen Einhalt mehr gebieten, damit muss man nun leben.

Selbst etablierte Acts können nur schwer von der Musik leben, aber zumindest wäre es schon schön, wenn man nicht nur draufzahlt, besonders in Zeiten, in denen man nicht auftreten kann. Glaubst du, dass sich ein faireres System, besonders bei Streaming Anbietern, oder wieder mehr Bewusstsein bei den Konsumenten entwickeln kann?

Dario Rosenberg: Ein faireres System bei Streaming Anbietern wird sich wahrscheinlich nicht einstellen, da diese gewinnorientierten Plattformen mit Werbeverträgen in Millionen- oder Milliardenhöhe sind. Da geht es nur darum, möglichst viele Menschen als Konsument zu gewinnen und da wird halt gefördert, wonach die Masse verlangt. Bezüglich des Bewusstseins kann ich nur über die (Underground) Metal Szene sprechen und da muss ich sagen, bin ich erstaunt, wie sehr Bands unterstützt werden, da kann man wirklich nicht meckern. Natürlich kann man nie erwarten, dass man mit seiner Musik Geld machen kann, jemand, der zum Beispiel als Hobby Motocross fährt macht das ja auch in erster Linie, weil er Spaß dran hat und gibt ununterbrochen Geld für sein Hobby aus. Und auch früher sind schon viele Bands nach vielleicht ein, zwei Versuchen wieder vom Radar verschwunden. Die "erfolgreichen" wurden von großen Labeln künstlich mit Unmengen an Geldern aufgeblasen und ausgequetscht. Versuchen, von Kunst zu leben, birgt immer ein Risiko, dessen man sich bewusst sein sollte. Ein viel wichtigerer Punkt ist in meinen Augen, was zur Zeit mit der Infrastruktur im Umfeld der Musik wie zum Beispiel Veranstaltungsorten passiert. Kulturstätten müssen dicht machen, da jemand irgendwo mit mehr Geld winkt, um einen Supermarkt auf das Gelände zu bauen oder so. Oder die Auflagen, für kleine Veranstaltungen oder auch zum Plakatieren werden immer verrückter, dass die Leute aus der Szene die Lust verlieren und irgendwann nur noch die großen Veranstaltungsunternehmen bleiben. Eine solche Entwicklung wirkt sich nämlich langfristig auf uns alle aus und nicht nur auf die Band, die vielleicht nicht so viele ihrer Shirts verkauft, wie sie gerne würde.

Apropos Auftreten, wie sehen eure Pläne dahingehend aus. Immerhin konnte ich in den sozialen Medien verfolgen, dass ihr wieder gemeinsam probt. Gibt es schon vorsichtige Terminplanungen für Auftritte?

Dario Rosenberg: Ja, wir proben wieder gemeinsam und das ist nach der langen Pause auch bitter nötig. Deswegen und auch um die Entwicklung bezüglich Veranstaltungen noch etwas zu beobachten, haben wir uns darauf geeinigt, nicht wirklich vor 2022 zu planen.

In den letzten Jahren ist insbesondere in Deutschland eine qualitativ hochwertige Welle junger Thrash-Bands unterwegs. Ich möchte hier stellvertretend gern TRAITOR, SPACE CHASER und auch ERADICATOR nennen. Glaubst du auch, dass wir selbstbewusst schon von einer New Wave Of German Thrash Metal reden können? So eine geballte Tour, das wäre doch mal was?

Dario Rosenberg: Ich weiß nicht, ob sich das alleine auf Deutschland beschränkt, Thrash Metal Bands scheinen in den letzten Jahren weltweit wie Pilze aus dem Boden geschossen zu sein und da gibt es viele sehr gute. Aber dass es gerade hier ein Phänomen zu sein scheint, ist mir auch schon aufgefallen. Ob man die aber nun alle zusammen an einem Abend spielen lassen sollte, bezweifle ich, da hätte nach der Hälfte keiner mehr Bock auf Thrash Metal und alle wären in die nächste Kneipe verschwunden, um JOURNEY oder FOREIGNER oder sowas zu hören.

Aber auch die "alten" Recken lassen sich derzeit nicht lumpen, mit wem würdest du unheimlich gern mal die Bühne teilen?

Dario Rosenberg: Mit keiner der Bands, bei denen die Videoleinwand größer ist als die Fläche der Bühne und mehr Konfettikanonen als Zuschauer da sind. Sowas kann man vielleicht einmal zu einer Jubiläumsshow machen, aber ich kann so eine Kirmesveranstaltung nicht sehr ernst nehmen, vor allem nicht im Thrash Metal. Da passt es einfach nicht zum Gesamtkonzept. Von unseren Deutschen "Big Four" fand ich DESTRUCTION immer am ansprechendsten, wobei mir die Musik von Bands wie PARADOX oder VIOLENT FORCE noch um einiges besser gefällt. Geht es in Richtung USA, wären mir glaube ich EXODUS am liebsten, die wirken noch am natürlichsten von der "Thrash-Elite". Ansonsten teile ich mir die Bühne sehr gerne mit den ganzen jüngeren Mitstreitern, da ich einfach den Umgang der jungen Musiker, welche sich irgendwo alle in der gleichen Situation befinden und ähnliche Erfahrungen haben, untereinander sehr umgänglich und auch oft unterhaltsam finde. Und trifft man sich dann auf anderen Konzerten oder Festivals ist es fast so, als würde man alte Schulfreunde treffen.

Lass uns gemeinsam hoffen, dass die noch allgegenwertige Pandemie sich bald zurückzieht und dass der Metal wieder dahin kommt, wohin er gehört: auf die Bühnen dieser Welt! Vielen Dank für deine Zeit, die abschließenden Worte sollen dir gehören.

Dario Rosenberg: Ich danke Dir für die interessanten Fragen! Und ein großes Dankeschön, an all die, die die Szene, aber vor allem die Musik am Leben halten!

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