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Interview mit Simone Simons von Epica

Ein Interview von Lestat vom 14.02.2021 (4323 mal gelesen)
Am 26. Februar kommt EPICAs neueste Veröffentlichung "Omega" auf den Markt. Um die Wartezeit ein wenig zu verkürzen, gab uns Sängerin Simone Simons ein Interview, Haupthema war natürlich die kommende Veröffentlichung. Neben dem neuen Album waren aber auch die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Musikbranche, die Musikbranche selbst und die fortschreitende Umweltzerstörung ein Thema.

Am 26. Februar kommt EPICAs neueste Veröffentlichung "Omega" auf den Markt. Um die Wartezeit ein wenig zu verkürzen, gab uns Sängerin Simone Simons ein Interview, Haupthema war natürlich die kommende Veröffentlichung. Neben dem neuen Album waren aber auch die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Musikbranche, die Musikbranche selbst und die fortschreitende Umweltzerstörung ein Thema.

Ihr hattet 2018 ein Jahr Pause und habt dann eure Jubliäumstour gemacht. Danach habt ihr angefangen, am neuen Album "Omega" zu arbeiten. Hat das eine Jahr zur Erholung ausgereicht oder war ein wenig das Gefühl da "das hätte auch ein wenig länger gehen können"? imgleft

Simone: Als wir im Oktober 2019 angefangen haben, dachte ich mir noch: "Oh, das fühlt sich noch früh an". Aber irgendwann muss man schon wieder planen. Dann war die Platte fertig, und dann kam Corona, eine erzwungene zweite Pause sozusagen.

Hat denn Corona den Aufnahmeprozess stark beeinflusst? Oder war es gar nicht so anders für euch?

Simone: Alles war eigentlich super bis zu den Gesangsaufnahmen. Marks und mein Gesang waren Mitte März dran, und da hat es ja angefangen. Am 15. März, ich wollte ein paar Tage später nach Holland fliegen, war die Hölle los. Ich komme ja normalerweise noch gut nach Holland. Also jetzt nicht. Da, wo unser Studio liegt, das war so eine Art Corona-Hotspot. Da wollte ich nicht hin. Und die Schulen waren alle zu. Also mussten wir versuchen, das irgendwie zu organisieren, und das hat auch ganz gut geklappt. Mark ist dann in sein Heimstudio. Er wohnt ja auf Sizilien. Es ist echt sehr schön dort, aber er ist da total gefangen.

Ein neues Album ist ja immer das beste Album der Geschichte. Was macht Omega zum besten EPICA-Album?

Simone: Ich finde es eines der Besten. Ich habe da meine Favoriten aus der Vergangenheit. Ich finde, diese Platte hat aber noch eine ganz andere emotionale Ladung bekommen, da wir davor die Pause hatten. Außerdem haben wir davor unsere Biographie geschrieben, "The Essence Of Epica", worin wir eine Reise durch die Geschichte der Band gemacht haben. Da kamen ganz viele Erinnerungen hoch. Mit frischer Energie und total motiviert haben wir angefangen, "Omega" zu schreiben. Ich finde, das ist unser tiefgründigstes und spirituellstes Album. Vielleicht ist ein Album immer auch eine Art Spiegelung, was alles passiert im Leben und in der Welt. Und ich spüre eine Änderung weltweit. Wir haben die Produktion geändert, damit es organischer klingt. Wir haben mit Orchester und Kinderchor und einzeln aufgenommenen Instrumenten gearbeitet, in Holland und Indien, um noch mehr Menschliches reinzubringen. Wenn man Samples benutzt, auch wenn diese von echten Menschen aufgenommen wurden, verliert es ein wenig diese Imperfektion. Das braucht man manchmal aber, um eine bessere Verbindung zur Musik zu bekommen - dass sie halt diese ganz kleinen Ecken und Kanten bekommt, sonst klingt es zu mechanisch. Und das wollten wir nach der "The Holographic Principle" ändern. Wir wollten auch einen anderen, transparenteren Sound haben. In unserer Musik ist so viel los, daher ist es echt nicht einfach, eine solche Band zu mischen. Es war dieses Mal aber das erste Mal, dass Joost, der uns produziert, auch abgemischt hat. Ich glaube, das war auch eine gute Entscheidung.

Kann man "Omega" als Konzeptalbum bezeichnen? Oder sind die Lieder irgendwie zusammenhängend, aber mehr aus Zufall?

Simone: Es ist kein offizielles Konzeptalbum. Aber bevor wir anfangen, Texte zu schreiben, sagt Mark mir schon, welchen Titel er für die Platte vorgesehen hat. Das war ursprünglich "The Omega Point". Wir haben uns dann aber zu "Omega" umentschieden, weil es kurz und knackig ist. Wir hatten bisher immer lange Albentitel und wollten jetzt einmal etwas Kurzes (lacht). Damit man in Interviews nicht immer über diese langen Titel stolpern muss. Unser letztes Album hieß ja "The Holographic Principle", und das ist schon ein Zungenbrecher. Mark hat mir dann gesagt, er will noch einmal ein 'Kingdom Of Heaven' auf der Platte haben, und dann ist die Geschichte damit beendet. Wir haben uns inspirieren lassen von den Smaragdtafeln (Anmerkung: bekannt auch als Tabula Smaragdina - der Autor). Das sind die ältesten Dokumentationen von Wissen, die es gibt. Die gibt es auch auf Englisch. Wer sich dafür interessiert kann sie auch online finden. Da hat Mark ganz viel Inspiration herausgeholt. Ich habe mich auch hier und da ein wenig hineingelesen. Ein großes Thema auf der Platte ist jedenfalls, was die Bedeutung des Lebens ist, warum wir hier sind, und dass wir doch alle miteinander verbunden sind, "all is one". Wir haben alle ein Labyrinth in uns, durch das wir versuchen, unseren Weg im Leben zu finden, am Ende herauszukommen und eine Erleuchtung zu finden. Und dieses Ying-Yang, was wir da mit drin haben, das Gute, das Schlechte, das muss miteinander in Harmonie sein. Das im Gleichgewicht zu halten, das ist ein Kampf.

"The Quantum Enigma" ging ja thematisch bereits in eine ähnliche Richtung. Das war ja der Versuch, die Quantenphysik auf das menschliche Bewusstsein und die Wahrnehmung zu übertragen?

Simone: Ja, das liegt alles an Marks Interessen. Ich habe selber sehr wenig Kenntnis über Quantenphysik. Aber wir teilen uns immer die Texte auf. Und ich war bisher immer ein bisschen die Philosophin und habe auch über viele persönliche Sachen geschrieben. Und Mark schreibt eigentlich auch immer die Texte für die Lieder, bei denen er die Instrumente geschrieben hat. Es gibt sogar ein Lied, 'Freedom - The Wolves Within', da haben wir beide am Text geschrieben. Er hat mir erzählt, worüber es geht, und mich dann gefragt, ob ich Lust hätte, daran mitzuarbeiten. Das war Teamwork und unsere zweite Single.

Das stelle ich mir dann aber als eher große Herausforderung vor, einen Text zusammen zu schreiben. Das ist ja doch immer ein intimer Versuch, Emotionen und Gedanken in Worte zu fassen.

Simone: Ja, wir haben allerdings beide viel Erfahrung mit dem Schreiben von Texten. Ich kenne ja Marks Texte. Manchmal hat man allerdings dann vielleicht eine kleine Schreibblockade. Und dann kann es schon hilfreich sein, wenn man Input von anderen hat, genauso wie auch mit der Musik. Wir haben beide unseren eigenen Stil. Aber dennoch haben wir dann auch Ideen, die in die Texte von beiden hineinpassen.

Ein anderer Song auf dem Album ist ja auch 'Gaia', der über die Umweltzerstörung durch den Menschen handelt. Ich habe dann ein wenig recherchiert und gesehen, dass du auch ein Twitter-Profil hast und dort "Fridays For Future" folgst. Bist du allgemein ein politischer Mensch, oder ist es nur dieses eine Thema, dass dich bewegt?

Simone: Im Grunde genommen finde ich dieses eine Thema sehr wichtig, da ich mir ja auch Sorgen um die Zukunft meines Sohnes mache. Er ist jetzt sieben Jahre alt. Wir haben auch schon vor 15 Jahren Lieder über die Umwelt geschrieben, und dass wir mehr eins sein müssen mit der Natur. Dass wir sie nicht mehr schützen, und mehr ausbeuten, als wir nachher zurückgeben. Vorletztes Jahr gab es dann auch noch die großen Waldbrände in Amazonien. Da ist mir klar geworden, wie das große Ganze zusammenhängt. Die Medien verschweigen natürlich auch viel und zeigen nur die negativen Sachen, wodurch das Bild manchmal verzerrt wird. Da habe ich um die Zukunft Angst bekommen und mir viele Gedanken gemacht, ich hatte viele schlaflose Nächte. Ich bin nicht so politisch wie Greta und die anderen Mädchen, die sich so engagieren gegen den Klimawandel. Ich bin stolz, dass diese jungen Mädchen das machen. Ich finde es schade, dass die jüngere Generation darum kämpfen muss, obwohl es nicht deren Schuld ist, dass es so weit gekommen ist. Das Lied 'Gaia' ist so eine Art Entschuldigung an Mutter Erde, und eine Art "call to action", dass wir versuchen, dass alles umzudrehen. Ich behalte das alles irgendwie ein bisschen auf dem Schirm, was da los ist. Ich habe noch nicht aktiv eine Meinung darüber geäußert. Ich verstecke es irgendwie ein wenig in meiner Kunst.

Gibt es denn ein Lieblingslied von dir auf dem Album? Oder steckt in jedem Lied so viel Herzblut, dass du kein Lieblingslied benennen kannst?

Simone: Ich habe ein paar Lieblingslieder, aber man sagt ja immer: "Man darf nicht zwischen den eigenen Kindern wählen". Eines von diesen ist auch 'Code Of Life'. Ich mag diese arabische Melodie. Dieses Lied hat mich von Anfang an sehr begeistert. Das hat mich sehr inspiriert. Ich habe den Text dazu geschrieben, Coen die Musik. Der Text geht über Genmanipulation mit der CRISPR-Technik, mit der man sozusagen DNA kleben und schneiden kann. Es gibt auf Netflix eine ganz interessante Doku, "Unnatural Selection". Als ich die gesehen habe, dachte ich mir, dass das ein sehr interessantes Thema ist, worüber ich gerne einen Text schreiben würde. Das ist sowohl von der Musik, aber auch vom Text her, eines meiner Lieblingslieder. Auch mit 'Rivers', unserer dritten Single, bin ich sehr zufrieden. Mir ist es wichtig, dass man, wenn man Musik schreibt und sie hört, auch wenn man es bereits sehr lange Zeit macht, eine Verbindung spürt. Da gibt es natürlich ein paar Lieder, bei denen man, wenn man sie hört, immer wieder Gänsehaut kriegt.

Ich glaube, daran merkt man auch, ob Bands die Lieder noch selbst schreiben, oder ob sie irgendwann nur noch Musik machen, um Geld zu verdienen. Es gibt ja die eine oder andere Metalband, die in der Szene erfolgreich waren, es nach oben geschafft haben und dann nachgelassen haben.

Simone: Ja, extakt. Irgendwann wird es dich sonst in den Hintern beißen. Das Allerwichtigste ist, dass die Musik aufrecht ist, dass sie vom Herzen kommt und dass man selbst damit zufrieden ist. Weil wenn das nicht der Fall ist, dann hat man schon verloren.

Vor kurzem ist ja Marco Hietala bei NIGHTWISH ausgestiegen. Und zwar auch mit deutlicher Kritik am Musikbusiness. Teilst du seine Kritik? Oder was denkst du darüber?

Simone: NIGHTWISH sind noch einmal eine ganz andere Nummer als EPICA. Über die Jahre sind EPICA auch eine größere Band geworden. Wir sind nicht nur eine Band, wir sind ein Betrieb, wir sind ein Produkt. Das, was mir am meisten Spaß macht, ist natürlich das Kreative, das Auf-der-Bühne-Stehen. Das Drumherum, das nicht kreativ ist, mag ich natürlich auch nicht so gern. Wir haben ein riesiges Team, wir haben das Management, wir haben eine Crew, die Plattenfirma. Aber das Musikbusiness verändert sich bereits seit einer Weile. Ich glaube, es gibt überall Kriminalität, und das Musikgeschäft ist keine Ausnahme davon.

Du sagst, es verändert sich. Zum Guten, aus der Kommerzialisierung heraus, oder noch mehr in die Kommerzialisierung hinein?

Simone: Wir haben da in der Metalszene noch Glück, auch wenn natürlich auch einige Leute gerne Musik streamen. Ich bin ja selber auch Schuld daran, es ist einfach total praktisch, man lernt auf diese Art und Weise auch viele neue Bands kennen, bei denen man vielleicht später auch mal zum Konzert gehen möchte. Die Metal-Community besteht aber hauptsächlich aus Sammlern, die auch gerne offizielles Merchandise kaufen. Sie möchten das Produkt in der Hand haben, eine CD oder Schallplatte. Es ist auch ein loyales Publikum. Aber in der Pop-Musik, wenn man nicht gerade ein riesiger Fisch ist, leiden die Künstler unter der Veränderung sehr. Das Streaming ist jedenfalls keine große Einkommensquelle für Musiker.

Ihr habt ja auch die Single-Auskopplung 'Abyss Of Time'. In dem dazugehörigen Video trägst du ein faszinierendes weißes Kleid. Hat das Design einen Bezug zum Songtext? Oder ist es eher willkürlich und das Kleid hat dir gefallen?

Simone: Wir haben natürlich mit Grupa 13 - das ist die polnische Firma, mit der wir zusammen gearbeitet haben - ein Drehbuch gemacht. Wir haben erzählt, worüber es im Text geht, und dann haben wir immer wieder das Drehbuch angepasst, bis wir zufrieden waren. Klamottentechnisch wussten wir bis vor dem Dreh nicht, was passieren wird. Dann haben wir erfahren, dass wir mit einer polnischen Designerin zusammenarbeiten werden. Mein weißes Kleid war dann der Kontrast zu dem Outfit von Mark, wir spielen quasi Ying und Yang. Später kommen auch die beiden Tänzerinnen: Die eine hat ein weißes Kleid an, die andere hat ein schwarzes Kleid an. Das ist ein sehr deutlicher Hinweis auf das Thema "Licht und Schatten", diesen Kontrast. Die Kleider waren allerdings sehr unkomfortabel, das war alles so hartes Plastik und nicht biegsam. Aber dafür wunderschön.

Fast am Schluss noch eine Frage zu eurer Zukunft: Wie erlebt ihr als Band die Corona-Pandemie? Insbesondere da ihr ja ab Sommer eine Tour geplant habt? Oder schwingt die Angst mit, dass wieder alles gecancelt werden muss?

Simone: Ich bin realistisch-optimistisch (lacht). Ich hoffe natürlich, dass es stattfinden wird. Ich war zu Beginn der Corona-Krise auch ein bisschen naiv-optimistisch und dachte: "Ach, bis die Platte im Herbst raus kommt, können wir auf Tournee, wir sind nicht betroffen". Als die Monate dann vorbei gegangen sind, habe ich auch gesehen, dass es nicht besser wird. Und jetzt gibt es auch noch die Mutationen und das Problem, dass viele Festivals gesagt haben, dass sie dieses Jahr nicht stattfinden. Deshalb befürchte ich, dass bis Herbst nichts stattfinden wird, was ein größeres Publikum hat.

Bands finanzieren sich doch hauptsächlich aus Liveauftritten und Touren, oder?

Simone: Jein. Wir haben trotzdem unsere neue Platte, die wird hoffentlich dann auch verkauft. Wir haben einige Vorbestellungen für das Album. Und bestimmte Merch-Sachen, unser Box-Set - das ist alles ausverkauft. Da kommt schon noch einiges zusammen. Die ausgefallenen Live-Shows sind aber definitiv leider auch Geld, das nicht auf unseren Konten landet. Irgendwann geht das hoffentlich wieder. Und bis zu unserem Sabatical haben wir sehr hart gearbeitet. Es darf natürlich nicht noch ein paar Jahre dauern, aber im Moment ist es noch einigermaßen OK für uns.

Vielen Dank für das Interview. Die letzten Worte gehören dir!

Simone: Auch von mir vielen Dank für das Interview! Bald ist es soweit, und Album Nummer acht, "Omega" ist draußen. Wir freuen uns riesig und sind sehr gespannt auf die Meinung unserer Fans.

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