Festival Previews
RockHarz Festival 2018

Festival Reviews 2018
A Sinister Purpose 2018

Hell Over Hammaburg 2018

Die dunkle Dekade

Ein Artikel von Akhanarit vom 29.10.2013 (10701 mal gelesen)
Stellt man die Frage nach der für das Metal-Genre schlechtesten Zeitperiode, wird man nicht selten wie aus der Pistole geschossen mit "die Neunziger" belehrt. Der böse und abermals böse Grunge, standesgemäß repräsentiert durch Musiker wie Curt Cobain und andere Wollpullover- und Kopfsocken-Träger, habe den Metal ja kaputt gemacht und Aussagen, teilweise auch Seitens der Musiker, wie: "Der Metal ist tot", keimten flutwellenartig auf. Doch Moment mal! In meiner kleinen aber wachsenden Metal-Welt war so einiges los. Die Neunziger als das schlechteste Jahrzehnt zu bezeichen? Ich würde sogar so weit gehen und behaupten, dass es das Wichtigste für unsere geliebte Subkultur war. Hier stellten sich bereits etliche Weichen für die enorme Vielfalt, die Metal uns heute zu bieten vermag. Sicherlich ist das nicht immer ein Segen für jeden von uns, doch haben wir nicht alle unsere unterschiedlichen Passionen? Nur der steten Weiterentwicklung ist es zu verdanken, dass noch heute 12 jährige Kids Kutten anlegen und im Mosh Pit die Sau raus lassen. Und wenn ihr jetzt noch Bock auf etwas Lesen habt (die Blessuren dürfen ja auch gern mal ausheilen), folgt mir doch einfach mal durch einen kleinen Rückblick und jenen, die schon länger dabei sind, mögen das CD Regal und/oder YouTube in Reichweite haben und alte, längst eingestaubte Schätze auf's Neue bergen oder gar entdecken, sollten sie verpasst worden sein. Ich wünsche euch jedenfalls viel Vergnügen bei dieser kleinen Reise durch eine Dekade, die viel mehr zu bieten hatte, als nur den Geruch von pubertierenden Geistern.

1990




Eingeläutet wird das Jahrzehnt von alten Bekannten. JUDAS PRIEST ließen "Painkiller" auf das Metal-Volk los. Wenn das mal kein Auftakt ist! Es sollte das letzte Album mit Rob Halford am Mikro sein. Ein neuer Sänger bei PRIEST? Möglich, aber sinnvoll? IRON MAIDEN schwächelten mit "No Prayer For The Dying" zwar ein bisschen, hatten aber zumindest mit 'Mother Russia' eine kleine Überraschung im Gepäck, die nie wirklich die Anerkennung bekam, die sie verdient hätte. Wem MAIDEN zu inspirationslos daherkamen, hätte ja auch zu DIOs "Lock Up The Wolves" greifen können.

Wer es etwas bunter haben wollte, ergötzte sich an "Heartbreak Station" von CINDERELLA oder griff zu den schnuckeligen VIXEN, die mit "Rev It Up" einen wahrhaft verführerischen Augenaufschlag hinlegten. Dass man sowas als Kerl auch kann, bewies ein gewisser Jon Bon Jovi auf Solopfaden. Er bewies zudem, dass herausragende Gesangsleistung nicht immer volle Power braucht. "Blaze Of Glory" ist musikalisch jedenfalls ein fettes "Daumen hoch" wert! Die SCORPIONS landen hingegen mit 'Wind Of Change' einen Volltreffer und "Crazy World" verkauft sich wie geschnitten Brot. Mancher mag nun vielleicht obgleich der Schnulze 'Wind Of Change' müde lächeln, vergisst aber mölicherweise, dass auf "Crazy World" auch 'Hit Between The Eyes' drauf war, was durchaus mehr Eier hatte, als so manche Metal-Scheibe im Gesamten.

Thrash Metal hatte ebenfalls nichts von seinem Punch verloren. SLAYER sind mit "Seasons In The Abyss" wie gewohnt eine sichere Bank und auch Chuck Billy von TESTAMENT zeigt der Thrashwelt auf "Souls Of Black", wo der Hammer hängt. Es hagelte fantastische Riffs wie am laufenden Band (ich weiss, der war flach...) und die Werke der Amis gehören in jeden gut sortierten Plattenschrank.

Doch auch Freunde der gesteigerten Aggression kamen voll auf ihre Kosten. CANNIBAL CORPSE hinterlassen mit "Eaten Back To Life" eine erste Visitenkarte. Skandinavien antwortet mit dem Death Metal-Meilenstein "Left Hand Path", in diesem Falle vertreten durch ENTOMBED und auch PANTERA, die eine gewaltige musikalische Kurskorrektur unternommen hatten, schlugen mit "Cowboys From Hell" ein, wie eine Bombe. Die Mischung aus Metal und Hardcore funktionierte prima und man kann durchaus behaupten, dass PANTERA erst mit dieser Platte in den Fokus der Aufmerksamkeit rückten.


1991




Dieses Jahr steht erstmal ganz im Zeichen des Großmeisters. ALICE COOPER schüttelte "Hey Stoopid" aus seiner zerfledderten Lederjacke und lädt zum fröhlichen Namedropping. Slash und abermals Bon Jovi lassen sich nicht lange bitten und steuern gern etwas zum Album bei. Ihr könnt sagen, was ihr wollt. Auch "Unusual Heat" (FOREIGNER) war erste Sahne. Für Stücke wie 'When The Night Comes Down' würde so manche Band so einiges opfern. Viele mögen Lou Gram als Frontmann der Band vermisst haben, doch Johnny Edwards machte seinen Job suverän und mit einer gehörigen Portion Emotion.

Aber den wohl wichtigsten Knaller hatten wohl METALLICA auf der Agenda, die mit dem selbstbetitelten oder "schwarzen" Album mal eben vom harten Lederrocker bis hin zur Hausfrau die unterschiedlichsten Schichten zu verzücken vermochten. Die "Metallica" ist die Antwort auf die Frage: "Was ist Heavy Metal?".

Und Schweden? Die haben längst mit GRAVE ("Into The Grave") und DISMEMBER ("Like An Everflowing Stream") aufgestockt und verstehen es meisterhaft, die Death Metal-gierigen Fans zu füttern. Das Genre kam ja gerade erst richtig ins Rollen und sollte noch diverse Höhen und Tiefen durchleben, oder besser: durchsterben!


1992




Die Schnulze des Jahres 1993 kommt mal wieder vom üblichen Verdächtigen. Doch diesmal sind es BON JOVI, die 'Bed Of Roses" zum Entzücken diverser Radiostationen intonierten und mal eben einen Welthit raus hauten. "Keep The Faith" ist auch sonst ganz ordentlich geworden und weiß über weite Strecken auf dem Hard Rock-Sektor zu begeistern.

Es gab aber auch Trauriges zu verkünden. "Fear Of The Dark" solle das letzte IRON MAIDEN-Album mit Bruce Dickinson als Frontmann sein. Doch wenn man sich mal vor Augen führt, dass in diesem Jahr auch "Pile Of Skulls" von RUNNING WILD das Licht der Welt erblickte, war die Konkurrenz keinesfalls am Schlafen.

Man mag heute von Dave Mustaine (MEGADETH) halten, was man will. Bezieht man sich jedoch mal ausschließlich auf die Musik, dann muss man neidlos anerkennen, dass die Ami-Thrasher mir "Countdown To Extinction" ein dickes Ausrufezeichen setzten. Dies kann man übrigens auch den Ruhrpottlern um Tom Angelripper, seines Zeichens Frontmann und Aushängeschild von SODOM, attestieren. Selten klangen SODOM so giftig wie auf dem Brecher "Tapping The Vein"! Vom Härtegrad bis hin zum düsteren Coverartwork war das Ding einfach nur: Top!

Düsternis-Hungrige konnten ohne Bedenken mal in "Chapter VI" von CANDLEMASS rein hören, ein Werk, welches Dank Frontmann Thomas Vikström sowohl den Doomern, als auch den Heavy's sehr genehm sein dürfte. Es sollte schließlich niemals an Musik mit Gänsehautfaktor mangeln.

Das dachte sich auch der Death Metal-Sektor, der sich mit UNLEASHED ("Shadows In The Deep") und OBITUARY ("The End Complete") mehr als laut zu Wort meldete und mit ihren Werken Generationen von Musikern bis heute als Blaupause für Death Metal in seiner reinsten Form dient.


1993




Der Preis für das wohl geilste Death Metal-Album ging für mich ohne Zweifel in Richtung Insel. Die Briten BENEDICTION präsentierten ihren neuen Frontmann nach Abgang von Mark "Barney" Greenway (NAPALM DEATH) zwar schon auf "The Grand Leveller" (1991), Dave Ingram (BOLT THROWER) lieferte aber erst auf "Transcend The Rubicon" eine der hellsten Sternstunden des Death Metal überhaupt ab. Ich habe keinerlei Informationen darüber, was Peter Rewinsky und der Rest der BENEDICTION-Crew dem guten Mann zu trinken gegeben haben, aber das Resultat war das verständlichste Gegrowle auf diesem Erdball. Und das bei maximalem Groove! Respekt.

Besonders eingängig will auch Jeff Waters klingen, der ANNIHILATOR mal eben eine Kurskorrektur verordnet, die Band schier in poppige Gefilde führt und es dabei noch immer vermag, mit "Set The World On Fire" eins der spannendsten Alben seiner Karriere abzuliefern. Neue Einflüsse wurden wie selbstverständlich zum Bandsound addiert und die Message wurde gehört: Wir stagnieren nicht, wir geben noch immer alles!

Irgendwie seltsam tönt es allerdings aus dem Proberaum von HELLOWEEN, deren neues Album "Chameleon" letzen Endes die Bandmitgliefschaft von Michael Kiske besiegelt. Doch Moment mal! Hört euch das Ding nochmal gänzlich vorurteilsfrei an. Von der Hinzunahme klassischer Musikinstrumente über eine fantastische Gesangsperformance von Michael selbst ... "Chameleon" mag verdammt experimentell für eine Metal Band klingen, kompositorisch ist es jedoch über jeden Zweifel erhaben. Ich weiss, ihr HELLOWEEN-Jungs würdet dieses Album am liebsten ungeschehen machen. Ich jedoch sage, dass ihr stolz darauf sein solltet. Immerhin ist das Ding in meiner persönlichen All-Time-Top-100!!!

SAVATAGE lässt das alles völlig kalt, hat man doch mit "Edge Of Thorns" ein Ass im Ärmel, bei dem man sich entspannt zurücklehnen kann. Kinders, kann das Leben schön sein.


1994




Das Jahr war düster. Traditionalisten wurden jedoch von RUNNING WILD mit dem grandiosen "Black Hand Inn" über Wasser gehalten. Kapitän Rock 'n' Rolf spielte viele Musiker-Kollegen schlicht an die Wand!

Aus dem Prügelschuppen röhrte die unmenschliche Stimme von Chris Barnes. CANNIBAL CORPSE hinterließen der Nachwelt das mächtige "Tomb Of The Mutilated" und waren nicht die Spur nachgiebig. Wer allerdings die Epik suchte, der war bei den Kannibalen falsch abgebogen. EMPEROR lockten vom eisigen Norden mit "In The Nightside Eclipse" zu den Toren des Black Metal-Reiches. In diesem gab es nun einen Scheideweg. Musikfreaks, die noch immer viel Wert auf Melodie legten, wären mit FESTERs "Silence" bestens beraten gewesen, doch leider blieb ihnen der Ruhm versagt und man verlosch nahezu im tiefsten norwegischen Underground. Für MAYHEM und ihr "De Mysteries Dom Satanas" sah es allerdings (entschuldigt die Formulierung in diesem Kontext) rosig aus.

Erwähnte ich schon, dass die Neunziger verdammt abwechslungsreich waren? Trotz aller Schwärze blieb man nicht nur melodiehungrig, sondern auch verrückt nach innovativer Songwriterkunst. "Tales From The Thousand Lakes" von den finnischen AMORPHIS bereicherten den Gothic Metal, ein Genre, welches dieser Zeiten recht populär wurde, ungemein. Geschichten aus der Kalevala dröhnten aus den Anlagen der deutschen Wohnungen, während sich die Nachbarschaft einig war, dass die "Bunten" längst nicht so schlimm sein können wie die mit der Teufelsmusik. Ähh ja... HADDAWAY for the win. Schon klar ... Brauchen wir alle ja wie Ganzkörperausschlag!


1995




Oh Mann Leute, das Jahr war so voll mit erwähnenswerten Scheiben. Der eben angesprochene Gothic Metal blühte so richtig auf. PARADISE LOST setzen sich mit "Draconian Times" selbst ein Denkmal, und wer sich von richtig klebrigen Keyboards nicht in die Flucht zu schlagen ließ, wurde Hausmannskost vom Schlage CREMATORY ausgesetzt. Doch bei aller Lästerei ... "Illusions" ist ein fantastisches Album mit ein paar Betonungseigenarten Aufgrund des Feindes "Inglisch". Was solls? 'Tears Of Time' regelt! Um einiges ernster ging es dafür bei AT THE GATES zu. Das war auch ganz richtig so, denn auf diese Weise konnte die Band mit "Slaughter Of The Soul" einen wahren Genreklassiker hinterlassen.

Akzente konnten beim Extreme Metal durch FEAR FACTORY ("Demanufacture"), SINISTER ("Hate") und nicht zuletzt MORBID ANGEL ("Domination") setzen. Diese Alben versohlten unsere Trommelfelle aufs Vorzüglichste. Davon gerne noch einen Nachschlag! Doch auch Melodic Metal-Fans konnten durch das formidable "Land Of The Free" von GAMMA RAY den Stolz im Herzen bewahren, wohingegen das aufsehenerregendste Ereignis in diesem Jahr die Präsentation des neuen IRON MAIDEN-Frontmannes Blaze Bayley war. Die Reaktionen waren, wie abzusehen, zwiespältig. Im Schnitt war man sich wohl einig, dass der Job nicht schlecht gemacht wurde, der arme Blaze aber keinesfalls als Ersatz für einen Bruce Dickinson fungieren könne.

Die musikalisch bessere Wahl konnte man aber mit BLIND GUARDIAN treffen. Im Bereich Bombast und Tonspuren-Krieg setzte "Imaginations From The Other Side" mehr als nur ein Ausrufezeichen, was den Krefeldern einen sicheren Platz auf dem Treppchen des Metal-Olymp gesichert haben dürfte.

Doch es war auch das Jahr einer ganz anderen Band, von der man von nun an noch einiges zu hören bekommen sollte. Die Rede ist natürlich von RAMMSTEIN, die mit ihrem Debüt "Herzeleid" so manche moralische Debatte ausgelöst haben und über weite Strecken als pure Provokation abgestempelt wurde. Das war frisch, das war hungrig, das spiegelte den neuen Zeitgeist wieder. Ich wage mir gar nicht vorzustellen, wie viele Eltern durch die Hölle gehen mussten, wenn die Sprösslinge mit dem Silberling angefixt worden waren.

Fast deplatziert wirkt da beinahe die Göttergabe von Gitarrengott Ritchie Blackmore, der sich unter dem Banner RITCHIE BLACKMORE'S RAINBOW mit "Stranger In Us All" zurück ins Gedächtnis ruft, und gemeinsam mit Sänger Doogie White nicht nur eine Lehrstunde in Sachen Hard Rock vorlegte, sondern bei dem Track 'Ariel' sogar seine geliebte Candice kurz an unsere Ohren dringen ließ. Dass dies schon bald in der Kollaboration BLACKMORE'S NIGHT mündete, ist längst zur Logik erklärt worden.

Doch bevor man über Deplazierung referiert, sollte man nicht ausser Acht lassen, dass auch J.B.O. mit "Explizite Lyrik" am Start waren und entweder die Lachmuskeln auf die Probe gestellt haben, oder Sabberfäden geboren aus Wut und Hass auf so manche Lippen gestandener Metaller zauberten. Na, darauf ein Kitzmann, denn Spass ist, wenn man trotzdem lacht!


1996




Lange haben die Fans auf neuen Stoff von METALLICA gewartet. Die Vorfreude wurde ins Unermessliche geschürt, doch als "Load" erschien, folgte bittere Ernüchterung. Eine nicht geringe Fanschaar tat sich schon mit dem schwarzen Album "Metallica" sehr schwer, doch mit "Load" gab es ein Album, das mehr einer Kriegserlärung seitens der Band gleich kam, als einer Versöhnung. Über 5 Jahre schraubte die erfolgreichste Metalband des Planeten Erde an dem Teil und dann kam dieses Desaster? Doch verzweifeln musste man auch nicht gerade. Die Finnen SENTENCED veröffentlichten mit "Down" eine Scheibe, die mehr von METALLICA auszuweisen hatte, als METALLICA mittlerweile selbst. Dennoch wurde überall das Ende des Metal propagiert. GRAVE DIGGER war das glücklicherweise völlig egal. "Tunes Of War" schlug nicht zuletzt mit dem Tanzflächen-Banger 'Rebellion (The Clans Are Marching)' ein und hatte in Addition neben klassischem Teutonenstahl auch noch ernsthafte Bildung zu bieten. Basser Tomi Göttlich, neben seiner Beschäftigung bei der deutschen Metal-Institution auch als Geschichtslehrer aktiv, trug erheblich zum "Tunes Of War"-Konzept bei und so wurde der Szene etwas schottische Geschichte näher gebracht. Von William Wallace bis Queen Mary fuhren Chris Boltendahl & Co. alles Erwähnenswerte auf, was zu dem Thema zu sagen war. Und sie hatten Recht. Das Album ist heute ein Meilenstein der Heavy Metal-Historie.

Doch auch die Düsternis kam in diesem Jahr nicht zu kurz. Man erinnere sich nur an die herrliche Schauergeschichte, die uns KING DIAMOND mit "The Graveyard" präsentierte. Wer sich mal die Mühe gemacht hat, in die Geschichte des Silberlings einzutauchen, den ließ die Geschichte um die kleine Lucy und den kranken Bürgereister nicht mehr los. Düsterromantik wurde mit THEATRE OF TRAGEDYs "Velvet Darkness They Fear" konsumiert. Das Zweitwerk mit der Engelsstimme von Liv Kristine verstömte vierlorts eine meterdicke Gänsehaut. Zudem schien die norwegische Band besonders hier zu Lande toll angenommen worden zu sein, weswegen das Tragödientheater mit 'Tanz Der Schatten' einen Track komplett auf deutsch vorführte. Nach Angaben der Band sprach keiner auch nur ein Wort deutsch und der Text wurde einfach Laut für Laut, Wort für Wort, auswendig gelernt. Das Ergebnis: Klassiker! MY DYING BRIDE bogen zudem mit "Like Gods Of The Sun" um die Ecke, welches vielleicht nicht das beste Album der Briten wurde, aber dennoch ein anerkennendes Nicken zur Pflicht machte. Gleiches gilt auch für die EP "Vempire... Or Dark Fairytales In Phallustein" von CRADLE OF FILTH. Wieder eine Band, die polarisierte, der der Erfolg aber mehr als Recht gab. In meinen Augen (Ohren) das essentiellste Werk der Mannen um Frontmann Dani Filth!

Doch auch im Melodic Death Metal schwedischer Prägung kommt man kaum umhin, den Namen IN FLAMES zu nennen, die sich bei "The Jester Race" ordentlich ins Zeug gelegt hatten. Hier konnte man noch von Melo-Death in seiner puristischen Form sprechen. Danach kamen immer mehr neue Elemente zum Bandsound hinzu und man sprach damit eher ein jüngeres Publikum an. An den Glanz von "The Jester Race" reichten IN FLAMES jedoch nie wieder heran. Verkaufszahlen hin oder her. Wer hat denn jemals behauptet, dass Musik nur dann am besten ist, wenn sie auch bei Hinz und Kunz Anklang findet und sich toll verkauft? Kurz nochmal an "Load" gedacht ... Eben!


1997




Nachdem Rob Halford JUDAS PRIEST nach "Painkiller" verlassen hatte, schickte sich ein gewisser Tim "Ripper" Owens an, in die Fußstapfen des Metal Gods zu treten, doch die modernere Ausrichtung auf "Jugulator" stieß etlichen Altfans eher sauer auf. Dabei konnte der Ripper nach Halford gar nicht punkten, egal, was für ein Album JUDAS PRIEST auch veröffentlicht hätten; es wäre von der Halford-Gefolgschaft niedergeredet worden. Allein aus Prinzip. Auch die Landsmänner SAXON konnten mit "Unleash The Beast" nicht sonderlich viel reissen, auch wenn das Album alles andere als schlecht war. Die "Rettung des Metal" sollte aus Schweden kommen. HAMMERFALL debütierten mit "Glory To The Brave", wurden quasi über Nacht zu Superstars und sorgten dafür, dass die Traditionalisten auch weiterhin die Fahne schwenken konnten. Ich vermeide hier bewusst die Formulierung "endlich wieder", denn wie wir an den vorherigen Jahren eindrucksvoll sehen konnten, war der traditionelle Metal nie verschwunden.

Bleiben wir doch noch kurz bei Schweden ... Der Death Metal sollte eine der wichtigsten Bands überhaupt verlieren. Peter Tägtgren plante das Ende von HYPOCRISY und legte mit "The Final Chapter" einen letzten Abschiedsgruß vor. Dass dieser dann allerdings derart überschwänglich von der Banger-Schaar aufgenommen wurde, überraschte vermutlich sogar Peter selbst, der sich dann doch dazu entschloss, HYPOCRISY weiterzuführen. Doch das steht auf einem anderen Blatt. Skandinavien war seit Jahren sowieso stark im Kommen. Auch DIMMU BORGIR, die mit "Enthrone Darkness Triumphant" einen Meilenstein der vertonten Düsternis veröffentlichten, konnten mehr als gelassen gen Zukunft blicken. Die Massen frassen den Norwegern nur so aus der Hand. Dass der harte Kern sich weigerte, die Musik der Norweger überhaupt als Black Metal zu bezeichnen, spielte dabei keine allzugroße Rolle.

LYNYRD SKYNYRD sollten vielleicht auch noch kurz Erwähnung finden. "Twenty" bot vor allem den sogenannten Altrockern einen Southern Rock-Ohrenschmaus par excellence und stellten klar, dass mit den Südstaatlern nach wie vor fest zu rechnen ist. Langweilig wurde es jedenfalls nicht. Auch wenn sich das heute keiner mehr vorstellen kann. Man hörte Alben noch solange auf Dauerrotation, bis man jede Silbe, jede Note und jeden Takt in und auswendig kannte.


1998




Quo vadis Heavy Metal? Wenn es nach SINNER gegangen wäre, bliebe der Metal, wie er war. "The Nature Of Evil" war zwar besonders für Mat Sinners Verhältnisse verdammt düster, wusste aber absolut zu gefallen. Auch ANGEL DUST wuchteten mit "Border Of Reality" einen wahren Knaller in die Verkaufsregale, was keinesfalls nur auf die Coverversion von 'Spotlight Kid' (RAINBOW) zurückzuführen sein dürfte. Mit 'Nightmare' und 'When I Die' hatte man immerhin echte Perlen in der Hinterhand. ICED EARTH hatten ebenfalls keinen Grund zur Sorge. "Something Wicked This Way Comes", der Nachfolger von "The Dark Saga", war von vorne bis hinten eine einzige Offenbarung. Matthew Barlow lieferte eine Meisterleistung gesanglicher Natur ab, während sich Bandchef Jon Schaffer sich wie üblich das Heft nicht aus der Hand nehmen lassen wollte. Bei seiner einzigartigen Spieltechnik und den punktgenau getimten Riffs konnte dieses Album nur gewinnen. Auch bei AXEL RUDI PELL, dem Bochumer Melodic Metal-Inventar, hat eine Veränderung statt gefunden. Frontmann Jeff Scott Soto war raus, Johnny Gioeli kam rein und gab mit "Oceans Of Time" einen Einstand vom Feinsten! Jede Note saß dort, wo sie hingehörte und der blonde Saitenhexer verstand es meisterhaft, jedem Bandmitglied den nötigen Freiraum zur musikalischen Entfaltung zu geben. Das Ergebnis war, dass "Oceans Of Time" trotz aller Perfektion noch Spontanität zu bieten hatte, was längst nicht mehr bei allen Bands zu beobachten war.

Dafür wuchs der Klassik-Anteil. Während man das von Bands wie RHAPSODY (heute RHAPSODY OF FIRE) gewohnt war und gar nicht anders konnte, als "Symphony Of Enchanted Lands" gnadenlos abzufeiern, schickte sich eine deutsche Band an, das Klassik-Element fest in ihren Sound zu integrieren: RAGE! Die ersten Versuche mit dem Lingua Mortis-Orchester glückten und "XIII" vollendete das Experiment nun endgültig. Es entstand ein Album, wie man es nie zuvor auf die Ohren bekommen hatte. Man hatte beinahe das Gefühl, dass dieses Konzept von nun an als Blaupause verwendet werden sollte und etliche etablierte Bands (KISS, METALLICA, etc.) versuchten sich ebenfalls an der Intergration eines echten Orchesters. Im Vergleich zu "XIII" war das aber alles ein laues Lüftchen, welches ich bis heute zu verdrängen versuche. Bisher erfolglos.

Zudem schien es dem Death Metal mehr als gut zu gehen. Eine sichere Bank waren seit je her BOLT THROWER, was die Briten wieder einmal mit "Mercenary" untermauern konnten. Die Kriegsmachine war bestens geölt und auf Angriff eingeschworen. Doch es debütierten auch zwei Bands, die heute aus unserer Szene gar nicht mehr wegzudenken sind: AMON AMARTH und NILE. Während die Schweden mit "Once Sent From The Golden Hall" eher in die gewohnte Kerbe schlugen, erdachte sich NILE-Boss Karl Sanders ein gänzlich neues Konzept. "Amongst The Catacombs Of Nephren-Ka" wies zwar immer noch alles Essentielle für eine Death Metal-Band auf, die Texte befassten sich aber nicht mit dem Dauerbrenner Blut und Gedärmeiter-Gedöns. Die Jungs aus South Carolina, USA, fröhnten den Themen des alten Ägypten. Mumien, Pyramiden, Hieroglyphen und finstere Götter sollten es sein. In das Geballer integriete man kurzerhand landestypische Instrumente und ließ sogar Mönche aus Tibet etwas Kehlkopfgesang beisteuern. Ein Umstand, der den Dalai Lama höchstselbst dazu veranlasste, Sanders einen Brief zu schreiben und sein Missfallen kund zu tun. Was es nicht alles gibt...

Das dachten sich wohl auch die Melo-Blacker COVENANT, die sich aus rechtlichen Gründen (es gibt auch noch eine nahezu uninteressante deutsche Goth-Band gleichen Namens) schon bald in THE KOVENANT umbenennen mussten. "Nexus Polaris" erschien 1998 erst mit altem Bandnamen, das Album wurde jedoch 2000 nach der Namensänderung wiederveröffentlicht. Lässt man das Hin und Her aber mal ausser Acht und befasst sich mehr mit den Musikern, liest sich das Ganze wie das reinste Name-Dropping. Nagash (DIMMU BORGIR, CHROME DIVISION) Astennu (DIMMU BORGIR), Hellhammer (ARCTURUS, MAYHEM, DIMMU BORGIR, SHINING), Sarah Jezebel Diva (CRADLE OF FILTH, THERION), Sverd (ARCTURUS); das "Who is who" der Düsterszene? Durchaus!


1999




Das Jahrtausend lag in den letzten Zügen und da musste nochmal ein Knaller raus. Die Welt hätte ja untergehen können. Oder so ähnlich. Dies hinderte zwei alte Verdächtige nicht daran, miteinander zu fusionieren. Die Rede ist von BLIND GUARDIAN-Frontmann Hansi Kürsch und ICED EEARTH-Mastermind Jon Schaffer, die nicht nur DEMONS & WIZARDS aus der Taufe hoben, sondern auch gleich das gleichbetitelte Album dazu. Manchmal muss man unvermutete Wege beschreiten, um etwas Besonderes zu schaffen. Den beiden Aushängeschildern ist das spielend gelungen.

Die Rocker konnten sich indes mit SURVIVOR beschäftigen. Genauer gesagt mit JIMI JAMESON'S SURVIVOR, der mit "Empires" eine mehr als amtliche Platte in unsere Wohnzimmer entsandte. Nicht genug, dass 'I'm Always Here' (Baywatch-Titelsong) so manchem Dreibeiner ein süffisantes Grinsen auf das Gesicht gezaubert wurde, nein, auch das restliche Material war mehr als eindrucksvoll. Gesanglich unantastbar, melodisch ein ums andere Mal für Ohrwürmer sorgend ... So läßt sich Musik genießen!

Besonders Augenmerk sollte noch einmal auf den Black Metal gelegt werden. Von zart bis hart war so einiges dabei, das wirklich erfreuen konnte. SIEBENBÜRGEN mit "Delictum" zum Beispiel. Auch wenn lediglich die Vocals noch mit dem Begriff Black Metal vereinbar waren, wurde "Delictum" zu einer wahren Perle für düstere Nächte bei Kerzenschein und Rotwein. Etwas härter war da schon "Spiritual Black Dimensions" von DIMMU BORGIR, die es tatsächlich fertig brachten, "Enthrone Darkness Triumphant" zu toppen. Zwar nur knapp, aber immerhin...

Wer auch im Black Metal die traditionellere Ausrichtung bevorzugte, kam an IMMORTAL mit "At The Heart Of Winter" keinesfalls vorbei. Abbath lieferte das wohl bisher reifste Werk seiner Karriere ab. Allein 'Withstand The Fall Of Time' ist und bleibt spektakulär! Ebenso wie die Norweger selbst. Sollte es jemals eine "Black Metal-Hall Of Fame" geben, IMMORTAL wären weit oben mit dabei.

...

Tja, liebe Leser, das war es auch schon fast wieder von mir. Ich hoffe, ich konnte euch die ein oder andere verpasste Ohrgasmus-Platte empfehlen und danke euch für das Interesse an meinem ersten Special. Natürlich hätte man auch zig andere Alben nennen können und jeder von euch wird sicherlich so manches Audio-Kunstwerk hinzu addieren, aber wem nützen hier 700 Seiten mit Aufzählungen? Ich fand es spannender, auf eigene Entdeckungen und Erinnerungen zurückzugreifen, um das hier etwas persönlicher zu gestalten. Mal sehen, was sich als nächstes intelektuell in mir verbeisst und mich dazu nötigt, wie ein Bekloppter in die Tasten zu hauen. Bis dahin habt ihr sicher eine Antwort parat, wenn euch jemand in Zukunft nach den Neunzigern fragt. Und die lautet hoffentlich: FUCK YEAH, geile Zeit! In diesem Sinne: cheers!!!

Besucher-Interaktion

Name:
Kommentar:
(optional)
Meine Bewertung:
(optional)
(Hinweis: IP-Adresse wird intern mitgespeichert; Spam und Verlinkungen sind nicht gestattet)

Ich fand die 90er gut, was auch daran liegt das ich 1991 angefangen habe Metal zu hören (Running Wild Death or Glory war mein einstieg). Ehrlich gesagt mit den 80ern kann ich im vergleich nicht so viel anfangen, da ich diese aus Metallischer-Sicht nicht miterlebt habe. Über weite Strecken finde ich 80er Metal langweilig. In den 90ern gab es so viele verschiedene Sachen. Leider vermisse ich diese Vielfalt etwas, da der Metal im Moment doch eher etwas Rückwärts gewand ist.
9/10   (23.02.2014 von Masse Taktstock)

Noch ist mir aufgefallen: Death Metal, der ja wohl in den 90ern seine Blüte erlebte, nachdem von den Altmeistern Death, Possessed, Master, Repulsion und allen englischen Krachmaten vorbereitet wurde, seine kommerzielle und auch kreative Höhe. Du erwähnst zwar Cannibal Corpse, die aber auf Eaten Back To Life noch eher etwas dürftig rüberkamen, verschweigst dagegen die Großtaten von Morbid Angel, Autopsy und KOnsorten, nicht zu vergessen schon in den 80ern brillierende Combos wie Napalm Death und Carcass, von Atheist und ähnlichen Halbmeistern ganz zu schweigen. Obituary hab ich damals gesehen, der Trevor mit den dunklen Augen ist finster wie der Tod an mir vorbei aufs Klo marschiert, das waren noch Zeiten:-)
(29.11.2013 von Warlord)

Ich vermisse MACHINE HEAD, die 1994 mit „Burn My Eyes“ nicht nur granatenmäßig eingeschlagen sind, sondern auch einen neuen Stil geprägt haben. Und richtig: „Images And Words“ ist für mich DAS Album von DREAM THEATER schlechthin. War auch 90er…
(15.11.2013 von Baterista)

Dream Theater sind 90er. Fast...Debüt und Demo voll Achtziger. Auch wenn die sich heute endlos wiederholen, die ersten drei sind Pflicht.
(14.11.2013 von Warlord)

Da soll noch mal einer behaupten, nach Sabbath, Budgie, Diamond Head, Metallica, Slayer, Exodus, Dark Angel, Pantera und dem ganzen Death und Black Metal wäre nix mehr gekommen (also so etwa 1992), nein danach haben Hammerfall, Blind Guardian, Running Wild und Manowar den harten Stahl am Leben gehalten damit er mit den aktuellen Hitalben von Accept, AC/DC und ZZ Top wahre Urstände feiert. Die 80er waren echt geiler.
(04.11.2013 von Warlord)

Ich bin wohl einer der wenigen, die "Load" gar nicht schlecht finden und immer wieder gerne hören (während "ReLoad" bis auf 3 oder 4 Nummern ziemlich misslungen ist). Zu Beginn der 1990er hat mich AEROSMITH's "Get A Grip" lange begleitet (vorher nie so gut und danach sowieso nimmer) und MISTER BIG mit "Lean Into It". Aber wenn ich so in meine Plattensammlung sehe, fällt mir auf, dass ich mich Mitte/Ende der 90er offenbar ziemlich aus dem Metal-Geschehen ausgeklinkt und nur mehr 80er-Zeug gehört habe, bevor es dann mit BLIND GUARDIAN "Nightfall On Middle Earth" wieder richtig spannend wurde. Nicht ganz Metal waren LIVE mit ihrem genialen "Throwing Copper"
9/10   (02.11.2013 von des)

Denke ich an Metal in den Neunzigern, da kommen mir spontan zwei Undinge in den Kopf, die bei mir unweigerlich mit dieser Periode verknüpft sind: diese verdammte Crossover-Welle mit dem Gehüpfe und Gerappe zu harten Gitarren. Ugly Kid Joe, Faith No More usw. waren grausame Geschmacksverirrungen. Und das zweite war das unglaubliche musikalische Potenzial des US-Death, von dem die Hälfte auf Konserve durch einen gewissen Scott Burns komplett verhunzt wurde. Aber es gab auch die guten Seiten, wie du schön hier an Beispielen aufgelistet hast. Die Death/Goth-Symbiose des Projekts "Nefilim" von Carl McCoy war für mich noch ein Meilenstein. Und wenn du diese jungen Kerle aus Norwegen, die sich Emperor schimpften und in dem Jahrzehnt drei der beeindruckendsten Alben aller Zeiten rausgehauen haben, verschwiegen hättest, hätte ich dir den Artikel persönlich ergänzen müssen ;-)
9/10   (02.11.2013 von Opa Steve)

Artikel über soziale Netzwerke verbreiten



Album des Augenblicks
Volltextsuche
Schaut mal!